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Buckelwal-Kuh hält stundenlang Kontakt zu totem Kalb

Forscher dokumentieren erstmals detailliert das Verhalten einer Buckelwal-Kuh, die stundenlang bei ihrem toten Kalb blieb. Ähnliche Trauerreaktionen sind bei Elefanten, Schimpansen und Orcas bekannt.

Eine Buckelwal-Kuh hat vor der australischen Gold Coast über Stunden hinweg den Kontakt zu ihrem toten Kalb gesucht. Das Verhalten, das Meeresbiologen um Olaf Meynecke von der Griffith University ausgewertet haben, gilt als erster detailliert dokumentierter Fall dieser Art bei einem Buckelwal. Die Beobachtung wirft eine grundlegende Frage auf: Können Tiere trauern?

An einem ruhigen Wintermorgen zogen zwei Buckelwale durch das flache Wasser vor dem Palm Beach Reef. Einer der Wale hielt sich wiederholt an einer Stelle am Meeresboden auf. Eine dort abgelassene Kamera zeigte ein totes Kalb. Die junge Kuh tauchte immer wieder hinab und berührte den Körper mit Kopf und Brustflosse. Sie legte sich neben das Kalb, Auge an Auge. Fast zwei Stunden blieb sie in seiner Nähe, ein zweiter erwachsener Wal schwamm bei ihr. Auch Lautäußerungen waren zu hören.

«Für mich war ihre Suche nach Körperkontakt und der Versuch von Augenkontakt mit dem verstorbenen Kalb überraschend, aber auch die Dauer des Verhaltens – über Stunden und vermutlich sogar über Tage», sagte Meynecke der Deutschen Presse-Agentur. Der Meeresbiologe hat die Beobachtung gemeinsam mit dem Walretter Andrew Mulville ausgewertet und eine Studie verfasst. Das Weibchen versuchte nicht, das tote Kalb an die Wasseroberfläche zu bringen, wie es Muttertiere normalerweise bei neugeborenen Kälbern tun, um ihnen beim ersten Atemzug zu helfen. «Wir haben zwei Theorien», sagte Meynecke. «Es kann sein, dass die Mutter nicht in der Lage war, es nach oben zu bringen, aber dagegen spricht, dass wir keinen solchen Versuch dokumentieren konnten. Oder aber ihr war bewusst, dass es nicht mehr lebt.»

Das Verhalten erinnert an andere Säugetiere. Besonders eindrucksvoll ist der Fall der Orca-Dame Tahlequah, die 2018 ihr totes Kalb vor der Küste Nordamerikas 17 Tage lang auf Schnauze und Stirn mit sich trug und dabei mehr als 1.500 Kilometer zurücklegte. Immer wieder hob sie den Körper aus dem Wasser, wenn er abzusinken drohte. Wissenschaftler sprachen von einer «Tour of grief», einer Trauerreise. Auch Grindwale und Delfine wurden dabei beobachtet, tote Jungtiere über längere Zeit mit sich zu tragen. Bei Buckelwalen ist die Datenlage dünner. «Aus persönlicher Erfahrung bin ich mir sehr sicher: Auch andere Arten, und generell Säugetiere, nehmen den Verlust eines Artgenossen wahr, und dies führt zu Verhaltensweisen, die als Trauer oder Depression beschrieben werden können», sagte Meynecke. Die Empfindungen seien vermutlich anders als bei Menschen, die Auswirkungen aber oft ähnlich – etwa die Verweigerung von Nahrungsaufnahme.

Ein besonders dramatisches Beispiel lieferte der Schimpanse Flint im tansanischen Gombe-Nationalpark. Als seine Mutter Flo starb, isolierte sich der damals achtjährige Sohn zunehmend. Die Primatenforscherin Jane Goodall beobachtete, wie Flint immer wieder zu seiner toten Mutter ging. Dann hörte er auf zu fressen – wenige Wochen später war er selbst tot. Goodall sagte später, Flint sei an gebrochenem Herzen gestorben. Auch Schimpansenmütter scheinen sich nur schwer von ihren toten Jungen zu trennen. Manche tragen die leblosen Körper noch Tage mit sich, manchmal Wochen oder sogar Monate.

Auch bei Haustieren gibt es Hinweise. In einer Studie aus Australien und Neuseeland mit 159 Hunden und 152 Katzen berichteten Halter von verändertem Fressverhalten, wenn ein Gefährte starb. Bei Hunden fraßen 35 Prozent weniger, 31 Prozent langsamer. Viele Katzen miauten häufiger und lauter. Beide Arten suchten die Lieblingsplätze des toten Artgenossen auf.

Elefanten wiederum versammeln sich an Kadavern, berühren, beschnuppern und bewachen sie und kehren immer wieder zu dem Toten zurück. Beobachtet wurde auch, wie Elefanten sterbende Tiere zu stützen oder tote Kälber fortzutragen versuchten. Manchmal bedecken sie verstorbene Artgenossen mit Erde oder Pflanzen. Ob dies der menschlichen Vorstellung von Bestattung entspricht, kann niemand wissen. Ein eindrucksvoller Fall ereignete sich 2013 in Kenia. Als die 55 Jahre alte Elefantenkuh Victoria starb, wich die Familie der Matriarchin nicht von ihrer Seite. Victorias zehnjährige Tochter Noor blieb noch lange bei ihr, ihr 13-jähriger Sohn Malasso stieß die Mutter sogar mit den Stoßzähnen an – wohl in dem Versuch, sie wieder aufzurichten. Wochen später beobachtete die Forscherin Shifra Goldenberg eine noch überraschendere Szene: Sogar Elefanten aus anderen Familien suchten noch immer Victorias Überreste auf.

Die Wissenschaft stößt bei der Frage nach tierischer Trauer an Grenzen. Vielleicht geht es nicht um Abschied, wie Menschen ihn verstehen. Aber wenn Trauer bedeutet, einen Verstorbenen nicht einfach loslassen zu können, dann kommen viele Tiere dieser Definition ziemlich nahe.

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Franziska Thielmann

Autor

Reporterin

Franziska Thielmann berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

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