Frankreichs Schulproteste eskalieren: Gewalt und Festnahmen an Gymnasien
An französischen Gymnasien kommt es seit Tagen zu teils gewaltsamen Protesten. Schüler beklagen marode Gebäude, Lehrermangel und ein ungerechtes Bildungssystem. Die Regierung reagiert spät und warnt vor einer Ausweitung der Unruhen.
Seit Tagen gehen in Frankreich zahlreiche Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Die Proteste an Gymnasien haben sich vom Großraum Paris auf das ganze Land ausgebreitet, befeuert auch durch soziale Medien. Dabei kommt es zu Gewalt auf beiden Seiten: Einsatzkräfte werden angegriffen, Brände gelegt, und viele junge Menschen wurden festgenommen. Ein 14-Jähriger wurde durch eine Rauchgasgranate schwer im Gesicht verletzt, andernorts ein Polizist zu Boden geworfen und getreten.
Im Kern fordern die Demonstrierenden mehr Geld für das Bildungswesen. Die Schülerinnen und Schüler beklagen desolate Zustände an ihren Schulen: heruntergestürzte Decken, undichte Dächer, kaputte Toiletten und zu wenig Lehrkräfte. Die Forderungen sind vielfältig – es geht um Handyverbote, zu kurze Mittagspausen und überfüllte Schultage –, doch immer wieder kristallisiert sich die Unterfinanzierung der öffentlichen Schulen als zentraler Missstand heraus.
Dahinter steht ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit, besonders in ärmeren Gegenden. Die Jugendlichen dort fühlen sich abgehängt und fürchten, dass die mangelnde Ausstattung ihre Chancen auf einen Studienplatz an einer guten Universität und damit auf einen gut bezahlten Job weiter schmälert. Die Soziologin Anne Muxel von der Elitehochschule Sciences Po sagte im Sender France Culture, die Schule werde in Frankreich nicht mehr als Instrument der Chancengleichheit empfunden. Die Vorstellung, dass Bildung sozialen Aufstieg ermögliche, gehe stark zurück. «Die Menschen glauben nicht daran und die Jugendlichen noch weniger», so Muxel. Auch der Soziologe Vincent Tiberj betonte im Sender France Info, die Ungleichbehandlung der Gymnasien sei eine zentrale Sorge der Schüler.
Das französische Bildungssystem ist im Vergleich zu Deutschland deutlich hierarchischer. Die Plätze an den angesehensten Universitäten sind stark umkämpft, viele Familien setzen auf private Schulen, um die Chancen ihrer Kinder zu verbessern. Diese strukturelle Ungleichheit verstärkt den Unmut.
Hinzu kommt eine allgemeine Zukunftsangst. «Es gibt eine Art Überdruss, der im Land ausgedrückt wird, weil man das Gefühl hat, dass es immer schwieriger wird, würdig zu leben», sagte Patrick Vassort von der Universität Caen im Sender France 3. Der Forscher für soziale Bewegungen sieht eine beängstigende Lage für Jugendliche: Neben der Sorge um die Uni-Zulassung trete die Beunruhigung wegen des Klimawandels. Die Verzweiflung wachse und schlage sich mitunter in Gewalt nieder. «Wenn es eine zu tiefe Verzweiflung gibt, sieht man keine andere Lösung mehr, um sie auszudrücken», so Vassort.
Neben gewalttätigen Jugendlichen geriet auch die Polizei in die Kritik. Tausende Menschen wurden bei den Demonstrationen festgenommen, gegen einzelne Einsatzkräfte wird ermittelt. Die Regierung betont, Polizei und Gendarmerie würden zurückhaltend vorgehen, doch es gibt Vorwürfe übermäßiger Gewalt. Der Soziologe Fabien Truong von der Universität Paris 8 erklärte im Sender France Culture, das Verhältnis der Demonstranten zur Polizei sei mitunter belastet. Jugendliche in ärmeren Gegenden seien immer wieder rassistischen Polizeikontrollen ausgesetzt. Hinter den Zusammenstößen stünden daher auch tiefere, seit langem gärende Konflikte.
Die Regierung wirft den Protestierenden vor, der Protest werde gekapert und vom ultralinken Spektrum angestachelt. Auch mischten sich Krawallmacher unter die Demonstranten, hieß es von politischen Verantwortlichen. Zwar werden auch Schulen und Feuerwehrwagen zur Zielscheibe, doch wie viele Unruhestifter tatsächlich dabei sind und wie sehr die Wut schlicht wächst, ist schwer zu sagen.
Klar ist, dass die Regierung spät auf die Demonstranten eingegangen ist. Bildungsminister Édouard Geffray setzte zunächst auf einen Dialog mit Schulleitern. Erst als die Lage bereits eskalierte, kündigte er an, Vertreter von Gymnasiasten und Studierenden zu treffen, wie es deren Gewerkschaften gefordert hatten. Die Regierung warnt nun vor Unruhen und fürchtet offenbar eine Ausweitung der Proteste. Der Soziologe Patrick Bruneteaux von der Universität Paris 1 schrieb in der Zeitung «L'Humanité», die Jugend sei schon immer eine Bedrohung für die Mächtigen gewesen. Zudem dürften Erinnerungen an die Jugendunruhen im Sommer 2023 wach werden, als die Regierung große Probleme hatte, der Lage Herr zu werden – damals ging es nicht um Bildungspolitik, doch eine Wiederholung will sie sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl um jeden Preis verhindern.
Wie lange der Protest anhält und ob die Gewalt zunimmt, ist unklar. Soziologe Tiberj zufolge verliefen die Demonstrationen an vielen Schulen ohnehin friedlich. «Natürlich gibt es Ausschreitungen, aber diese Ausschreitungen sind nur ein Teil der Geschichte und vielleicht ein kleiner.»
2




