Holocaust-Überlebender Leon Weintraub wird 100: Dokumentarfilm erzählt seine Geschichte
Leon Weintraub überlebte Auschwitz und mehrere Konzentrationslager. Mit 100 Jahren berichtet er noch immer von den Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Dokumentarfilm «L'dor Vador» begleitet ihn zurück an die Orte seiner Vergangenheit und fragt, wie die Erinnerung weitergegeben werden kann, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr da sind.
Leon Weintraub hat den Holocaust überlebt und ist einer der wenigen verbliebenen Zeitzeugen, die heute noch von den Verbrechen der Nationalsozialisten berichten können. Anfang dieses Jahres ist er 100 Jahre alt geworden. Der Dokumentarfilm «L'dor Vador – Von Generation zu Generation» der Brüder Dean und David Körzdörfer erzählt seine Geschichte und begleitet ihn zurück an die Orte seiner Vergangenheit. Der Film läuft am Mittwoch bei Welt TV und wird zum Jahrestag des Terroranschlags der islamistischen Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 gezeigt.
Weintraub wurde im polnischen Lodz geboren und erlebte, wie die Deutschen ihn und seine Familie ins Ghetto zwangen. Später wurden sie ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Während des Transports habe er keine Stimmen gehört, keine Proteste und keinen Aufschrei, erzählt Weintraub im Film. Die Menschen seien wie gelähmt gewesen. «Bis heute höre ich das Schweigen in der Luft», sagt er. Seiner Mutter habe er nach der Ankunft noch von Weitem zugewinkt: «Mama, wir sehen uns drinnen.» Doch dazu kam es nie. Seine Mutter wurde kurz darauf in den Gaskammern ermordet.
Weintraub selbst entkam dem Tod nur knapp. Er habe eine Gruppe nackter Männer gesehen, denen Häftlingsnummern tätowiert wurden und die auf Kleidung warteten, um zur Arbeit gebracht zu werden. Ohne zu überlegen, habe er seine Kleidung abgeworfen und sich in die Gruppe gedrängt. «Die paar Schritte haben mein Leben gerettet», sagt er. Denn einige Tage später seien die Insassen des Blocks, dem er eigentlich zugeordnet war, als «arbeitsunfähig» ermordet worden. Bei der Befreiung im April 1945 war Weintraub 19 Jahre alt und wog nur noch 35 Kilogramm. Er wurde noch in mehrere andere Konzentrationslager verlegt.
Nach dem Krieg ging Weintraub nach Göttingen, um Medizin zu studieren. Er entschied sich für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, um seinen vielen Erfahrungen mit dem Tod etwas entgegenzusetzen. Später zog er zurück nach Polen, erlebte dort erneut Antisemitismus und wanderte schließlich nach Schweden aus, wo er bis heute lebt. In seiner Familie überlebten nur 16 von 80 Angehörigen den Holocaust. Als er zum 80. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz sprach, saßen bei der Gedenkfeier auch der britische König Charles III., Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Publikum.
Auf die Frage, wie es sich für ihn anfühlt, heute nach Deutschland zu kommen, sagte Weintraub der Deutschen Presse-Agentur: «Ich fühle mich zu Hause hier», so wie überall auf der Welt, wo ihm freundlich gesinnte Menschen begegneten. Nach dem Krieg habe es Momente gegeben, in denen er im Zug zusammenzuckte, weil er unter Deutschen gewesen sei. «Aber das ist vorbei.» Er fühle sich in Deutschland frei, ungezwungen und sicher. Die politischen Entwicklungen und das Wahlergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt sind für ihn nach eigenen Worten jedoch unfassbar. Er spricht sich für ein Verbot der Partei aus und nennt sie die «(keine) AfD» – für ihn sei sie keine Alternative für Deutschland.
Der Film «L'dor Vador» setzt sich auch mit den intergenerationalen Folgen des Holocausts auseinander und wirft die Frage auf, wie die Geschichten in Zukunft weitergegeben werden können, wenn die letzten Zeitzeugen irgendwann nicht mehr da sind. Weintraub, der im hohen Alter noch fit ist und bekannte Denker zitiert, scherzt, körperlich sei der Verschleiß deutlich zu merken, aber er tröste sich, dass «Lamborghini, Jaguar, Rolls-Royce» in seinem Alter bei täglicher Anwendung in einem schlimmeren Zustand wären. Nach dem Interview in einem Berliner Hotel bleibt ihm nur eine kurze Pause auf seinem Zimmer – 15 Minuten, dann muss er zum nächsten Termin.
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