Missbrauchsbeauftragte: Zehn Millionen Betroffene in Deutschland
Kerstin Claus legt Bericht vor: Zehn Millionen Menschen in Deutschland haben sexuelle Gewalt in Kindheit oder Jugend erlebt. Sie fordert besseren Schutz vor digitalen Gefahren und Künstlicher Intelligenz.
Zehn Millionen Menschen in Deutschland haben nach Angaben der Missbrauchsbeauftragten des Bundes, Kerstin Claus, sexuelle Gewalt in Kindheit oder Jugend erlebt. Das erklärte Claus bei der Vorlage ihres Berichts zum Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie zum Stand von Prävention, Hilfe und Aufarbeitung in Berlin. «Wir haben in Deutschland aktuell zehn Millionen Menschen, die sexuelle Gewalt in Kindheit oder Jugend erlebt haben», sagte Claus. Die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen sei ungebrochen hoch.
Claus sieht nach jahrelanger Aufarbeitung, Forschung und politischen Maßnahmen Fortschritte im Kampf gegen sexuelle Gewalt. Zugleich verwies sie auf großen Handlungsbedarf, vor allem mit Blick auf neue, wachsende Gefahren durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. «Noch nie war das Risiko für Kinder und Jugendliche, sexualisierte Gewalt zu erleben, so hoch wie heute», sagte sie. «Die Risiken im digitalen Raum explodieren.» Es gehe um Gefahren- und Risikoabwehr.
Der Bericht enthält keine neuen Daten, sondern beleuchtet den aktuellen Erkenntnisstand und leitet politische Forderungen daraus ab. Verwiesen wird auf bereits veröffentlichte Zahlen der Kriminalstatistik. Demnach zählte die Polizei 2025 insgesamt 17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, rund 1.600 mehr als noch vor fünf Jahren und 772 mehr als im Vorjahr.
Viereinhalb Jahre nach ihrem Amtsantritt legte Claus mit dem Bericht eine größere Bestandsaufnahme vor. Positiv hob sie hervor, dass in den 16 Jahren seit dem sogenannten Missbrauchsskandal Kompetenzen und Ressourcen im Bereich Prävention konsequent ausgebaut worden seien. «Für Betroffene wurde eine grundlegende Hilfe- und Unterstützungslandschaft definiert und verbessert», sagte Claus. 2010 waren zahlreiche Missbrauchsfälle am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Berlin in den 1970er und 80er Jahren ans Licht gekommen. Danach wurden deutschlandweit viele weitere Fälle bekannt.
Kritisch bewertet die Missbrauchsbeauftragte weiterhin bestehende Schutzlücken. Sie fordert eine aktive Suche und Entfernung von Missbrauchsdarstellungen im Netz, denn solange sie dort kursierten, dauere der Missbrauch an. Zudem verlangt sie eine Erweiterung des Strafrechts, das aktuell nur Kinder unter 14 vor Cyberkriminellen schütze, so dass auch Jugendliche geschützt werden. Ein weiteres Anliegen ist die Einführung eines Schulfachs «Digitale Welt/Digitalität», das digitale Kompetenzen an Kinder und Jugendliche vermittelt und den Umgang mit Risiken im Netz einschließt.
Claus fordert Schutzkonzepte in allen Schulen, Kitas und Freizeitangeboten für Kinder, die Formen digitalisierter Gewalt einschließen. Lehrkräfte sollen im Kampf gegen digitale sexualisierte Gewalt fortgebildet werden. Länder und Kommunen sollen sicherstellen, dass Schulen, Kitas oder Kirchen Missbrauchsfälle an die gesetzliche Unfallversicherung melden, deren Leistungen Heil- und Krankenbehandlung sowie Reha umfassen. Fachberatungsstellen sollen weiter aus- und aufgebaut werden, mit einem Rechtsanspruch auf Fachberatung für Betroffene. Schülerakten sollen 70 Jahre lang aufbewahrt werden. «Kinderschutz und Prävention sexualisierter Gewalt» sollen verpflichtender Ausbildungsbestandteil für Sozialarbeiter, Lehrkräfte, Justiz, Polizei, Gesundheitswesen und Verwaltung werden.
Einen Schwerpunkt legt der Bericht auf den digitalen Raum und Künstliche Intelligenz. Die digitale Welt verändere Möglichkeiten des Zugangs für Täter. Kommunikations- und Interaktionsorte im Netz seien zu «zentralen Tatorten sexualisierter Gewalt» geworden. Verwiesen wird auf Gefahren durch KI, etwa dass unverfängliche Profilfotos mit KI zu Nacktbildern umgewandelt werden können, was sexuelle Erpressung («Sextorsion») erleichtere. Claus betonte, dass besserer Schutz machbar sei, auch wenn bereits viel erreicht wurde.
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