Bewaffnete Gruppe aus Belarus dringt in lettisches Nato-Gebiet ein
Eine bislang unbekannte Gruppe namens «Schwarze Rus» hat sich zu einem Grenzübertritt von Belarus nach Lettland bekannt. Der Vorfall erinnert an die «Grünen Männchen» auf der Krim 2014 und nährt Sorgen vor hybriden Bedrohungen an der Nato-Außengrenze.
Bewaffnete und vermummte Männer aus Belarus haben in der vergangenen Woche die Grenze zum Nato-Mitgliedstaat Lettland überquert und dabei versucht, rund 20 Migranten in die Europäische Union zu schleusen. Bei dem Vorfall kam es zu einer Auseinandersetzung mit lettischen Soldaten, die die Angreifer zunächst zurückdrängten. Später kehrten die Männer zurück, beschädigten einen Verteilerkasten und stahlen Überwachungskameras, bevor sie sich wieder über die Grenze nach Belarus absetzten.
Die lettischen Streitkräfte erklärten, die Ereignisse bestätigten, dass gezielte Provokationen und hybride Bedrohungen an der lettisch-belarussischen Grenze weitergehen würden. Die illegale Migration werde dabei als Instrument genutzt, um Druck auf Lettlands Außengrenze sowie auf die Europäische Union und die Nato auszuüben.
Die bis dahin unbekannte Gruppe «Schwarze Rus» bekannte sich in einem einminütigen Video auf Telegram zu dem Vorfall. Ein maskierter Mann, der sich Neman nennt, erklärte mit verzerrter Stimme, drei Männer der Gruppe hätten die Grenze überquert und sich eine Auseinandersetzung mit lettischen Soldaten geliefert. Anschließend sei man unbemerkt zurückgekehrt, um Ausrüstung zu beschädigen und Kameras zu stehlen. Die Aktion sei nur ein Test für Lettland gewesen, den das Land nicht bestanden habe. Bald würden ähnliche Vorfälle an anderen Abschnitten der Grenze folgen. Die Europäische Union und die Nato seien ein Koloss auf wackeligen Füßen, der nach dem ersten Schlag zusammenbrechen werde.
Der Name der Gruppe wird teilweise fälschlich als «Schwarzrussen» übersetzt. Tatsächlich bezieht sich «Rus» nicht auf Russland, sondern auf die historische Landschaft Schwarzruthenien im Westen des heutigen Belarus am Oberlauf der Memel, rund um Nawahrudak und Hrodna. Der Name steht in einer Reihe mit Weißruthenien, also Belarus, und Rotruthenien, also Galizien.
Der genaue Hintergrund der Gruppe bleibt unklar. Eine Analyse des russischen investigativen Exilportals «Important Stories» zeigt, dass der Telegram-Kanal, auf dem das Bekennervideo veröffentlicht wurde, erst am 24. September erstellt wurde und 1.200 Abonnenten hat. Neben dem Video besteht der Inhalt vor allem aus KI-generierten Propagandatexten, in denen die Überlegenheit des Unionsstaates Russland-Belarus gegenüber der EU gepriesen, Kritik an den baltischen Staaten geübt und Forderungen nach einer Verstärkung der belarussischen Grenzen erhoben werden. Ein weiterer Kanal ist mittlerweile leer, alle Inhalte wurden gelöscht. Er hat zwar 11.000 Abonnenten, die Analyse deutet jedoch darauf hin, dass es sich überwiegend um Bot-Accounts handelt.
Zudem existiert eine Webseite mit zwei Seiten: einer Hauptseite mit einem Manifest und einem Kontaktformular, über das man der Gruppe beitreten kann. Die Analyse zeigt, dass bei der Programmierung die ukrainische Sprache verwendet wurde. Rückschlüsse auf die Urheber lassen sich daraus kaum ziehen, da Russland in der Vergangenheit immer wieder solche falschen Fährten nutzte, um die Ukraine für eigene Aktionen verantwortlich zu machen. Registriert ist die Webseite in Russland auf eine unbekannte Person. In dem Manifest heißt es unter anderem, man strebe eine vollständige Vereinigung von Rus an.
Lettlands Verteidigungsminister Raivis Melnis betonte in einem Interview, die lettischen Soldaten hätten bei dem Vorfall sehr professionell gehandelt. Sie hätten das Recht, ihre Dienstwaffe zur Selbstverteidigung einzusetzen und Warnschüsse abzugeben. Melnis bezeichnete das belarussische Vorgehen als organisierte Kriminalität, bei der äußere Gewalt angewendet und die Infrastruktur Lettlands beschädigt werde. Der Minister ist überzeugt, dass Lettland entschlossener vorgehen und den vom Innenministerium vorgeschlagenen Einsatz nicht tödlicher Waffen unterstützen muss, um Grenzverletzungen wirksamer aufhalten zu können.
Der Vorfall weckt Erinnerungen an die Ereignisse auf der Krim im Jahr 2014, als sogenannte «Grüne Männchen» ohne russische Hoheitszeichen die Halbinsel besetzten und vom russischen Präsidenten Wladimir Putin als lokale Selbstverteidigungskräfte bezeichnet wurden. Damals bestritt Russland eine Beteiligung, ebenso wie nun Russland und Belarus bestreiten, etwas mit den Eindringlingen zu tun zu haben. Die Parallelen deuten auf eine mögliche neue Strategie des Kremls hin, von der eine wachsende Gefahr ausgehen dürfte.
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