Drohnenangriffe im Schwarzen Meer treffen Nato-Staat Bulgarien
Vor der bulgarischen Küste sind innerhalb weniger Tage mehrere Frachter nach Drohnenangriffen gesunken. Die Nato kann kaum reagieren, weil die Angriffe außerhalb ihrer Hoheitsgewässer stattfinden.
Vor der bulgarischen Schwarzmeerküste sind innerhalb von acht Tagen zwei Frachter nach Drohnenangriffen gesunken. Betroffen sind zivile Schiffe auf internationalen Handelsrouten, die teils unter fremder Flagge fahren und nicht am Krieg beteiligt sind. Bulgarien ist Nato- und EU-Mitglied, die Angriffe ereigneten sich jedoch außerhalb der Hoheitsgewässer des Landes.
In der Nacht zum 13. Oktober hörten Anwohner der Küstenstadt Schabla gegen 1 Uhr eine Explosion. Rund 30 Kilometer vor der Küste war der Frachter «HS Dignity» nach einem Drohnenangriff gesunken. Das Schiff hatte keine Ladung an Bord und war auf dem Weg von Algerien zum rumänischen Hafen Brăila. Von den 16 Besatzungsmitgliedern überlebten fünf, elf werden vermisst. Nur fünf Minuten vor dem Angriff auf die «HS Dignity» hatten drei Drohnen einen weiteren Frachter getroffen. Dessen Besatzung überlebte, mehrere Seeleute wurden verletzt.
Bereits am 6. Oktober war rund 130 Kilometer vor Bulgarien die «Alfa Watan» nach einem Drohnenangriff gesunken. Die Suche nach den vermissten Seeleuten blieb erfolglos. Ein zweites Schiff geriet in Brand, seine 18 Besatzungsmitglieder wurden gerettet. Schon am Vortag waren beim Brand eines Frachters vor Rumänien zwei Seeleute ums Leben gekommen. Die Ukraine machte einen russischen Drohnenangriff dafür verantwortlich, rumänische Behörden bestätigten die Ursache zunächst nicht.
Die am Dienstag getroffene «Chelsea 3» war ohne Ladung vom türkischen Hafen Giresun zum moldauischen Hafen Giurgiulești unterwegs. Das Schiff fährt unter maltesischer Flagge und gehört einem ukrainischen Eigner. Alle 15 Menschen an Bord konnten gerettet werden.
Wer hinter den jüngsten Angriffen steckt, ist bislang ungeklärt. Die Ukraine beschuldigt Moskau. Bulgariens Ministerpräsident Rumen Radew erklärte, die Angriffe kämen Russland zugute; dass die Ukraine eigene Schiffe angreife, sei nicht logisch. Eindeutige Beweise für eine russische Beteiligung fehlen jedoch. Bislang konnten auch keine Drohnentrümmer geborgen werden, die Hinweise auf die Herkunft der Fluggeräte geben könnten. Untersuchungen der bulgarischen Behörden laufen.
Wegen seines Verdachts bestellte Radew am Dienstag die russische Botschafterin ein. Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil die neue Regierung in Sofia in Teilen als russlandfreundlicher gilt als ihre Vorgängerin. Sie erklärte jedoch, ihr lägen keine Informationen über russische Angriffe vor, und brachte eine Provokation Dritter ins Spiel.
Die zunehmenden Angriffe haben vor allem wirtschaftliche und militärische Gründe. Für beide Kriegsparteien ist das Meer eine wichtige Handelsroute. Über seine Häfen werden Getreide, Pflanzenöl, Metalle und Erdöl verschifft. Wer diese Wege blockiert, schwächt die Ökonomie des Gegners und damit auch dessen Fähigkeit, Krieg zu führen.
Russland versucht bereits seit 2022, die ukrainischen Häfen abzuschneiden. Doch die Ukraine setzte der weit größeren russischen Schwarzmeerflotte mit Raketen und Sprengbooten zu. Moskau musste Kriegsschiffe von der besetzten Krim abziehen. Im August 2023 eröffnete Kiew einen eigenen Exportkorridor entlang der westlichen Küste. Auch die Handelsschifffahrt geriet immer wieder unter Beschuss. Russische Angriffe brachten den Güterumschlag in ukrainischen Schwarzmeerhäfen im Juli 2026 zeitweise zum Erliegen. Dadurch gewannen Ausweichrouten über die Donau und entlang der rumänischen und bulgarischen Küstenlinie an Bedeutung.
Gleichzeitig nimmt die Ukraine verstärkt russische Schiffe und Hafenanlagen ins Visier. Besonders hart traf es Öl- und Getreideexporte rund um Noworossijsk: Nach einer Analyse des polnischen Zentrums für Oststudien (OSW) lagen die russischen Getreide- und Rohölausfuhren über Häfen am Schwarzen und Asowschen Meer im August mehr als 50 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Analysten Iwona Wiśniewska und Filip Rudnik vom OSW in Warschau sehen darin erheblichen wirtschaftlichen Druck auf Moskau. Dass Putin deshalb einlenkt, erwarten sie allerdings nicht.
Dass die Nato nicht direkt eingreift, hat auch geografische Gründe: Die «HS Dignity» sank etwa 17 Seemeilen vor Bulgarien. Die Hoheitsgewässer reichen aber nur 12 Seemeilen, gut 22 Kilometer, vor die Küste. Dahinter liegt die sogenannte ausschließliche Wirtschaftszone, in der Bulgarien bestimmte souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse hat. Staatsgebiet ist sie nicht. Die Angriffe lösen deshalb nicht automatisch den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nato-Vertrags aus. Dafür müsste ein bewaffneter Angriff auf einen Mitgliedstaat vorliegen.
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