Klitschko: Russland «reißt Kiew auseinander»
Nach russischen Angriffen auf die Pivdennyi-Brücke über den Dnipro ist der Verkehr in Kiew stark beeinträchtigt. Bürgermeister Klitschko spricht von einer «sehr dramatischen» Lage. Präsident Selenskyj wirft Putin vor, alle Beschränkungen bei Luftangriffen aufgehoben zu haben.
Nach russischen Angriffen auf eine wichtige Brücke in Kiew hat Bürgermeister Vitali Klitschko die Lage in der ukrainischen Hauptstadt als «sehr dramatisch» bezeichnet. «Der Feind reißt Kiew auseinander», schrieb Klitschko am Freitag im Onlinedienst Telegram. Es sei nicht mehr möglich, so zu tun, als könne man wie in Friedenszeiten leben. Zuvor war die Pivdennyi-Brücke über den Dnipro erneut getroffen worden, nachdem bereits am Donnerstag mehrere Drohnen in der Nähe ihrer Stützkonstruktion und auf der Fahrbahn eingeschlagen waren. Die Brücke ist laut Klitschko derzeit in beide Richtungen gesperrt.
Die Auswirkungen reichen über die unmittelbar getroffene Brücke hinaus. Auch die Paton-Brücke wurde zeitweise vollständig gesperrt, auf der Metro-Brücke wurde der Verkehr eingeschränkt. Mehrere Bus- und Trolleybuslinien müssen deshalb über andere Dnipro-Querungen ausweichen. Die Angriffe auf die Paton- oder die Metro-Brücke selbst wurden von den Behörden bislang nicht gemeldet. Die Sperrung der Südbrücke hatte zu erheblichem Chaos in der Stadt geführt.
Unterdessen sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj der «Financial Times», Russlands Präsident Wladimir Putin habe seinem Militär angeordnet, bisherige Beschränkungen bei Luftangriffen auf die Ukraine fallen zu lassen. Er beruft sich dabei auf Erkenntnisse ukrainischer Geheimdienste und abgefangene Kommunikation aus dem Kreml. Putin habe im September deutlich gemacht: «Es gibt jetzt keine Regeln mehr.» Seitdem habe Russland seine Angriffe auf zivile Ziele deutlich ausgeweitet, darunter Schulen, Krankenhäuser, Rechenzentren und Energieanlagen. Die zugrunde liegenden abgehörten Gespräche wurden nicht veröffentlicht und lassen sich unabhängig nicht überprüfen. Russland bestreitet weiterhin, gezielt zivile Einrichtungen anzugreifen.
Europäische Sicherheitsbehörden rechnen einem Medienbericht zufolge in den kommenden Monaten mit einer Zunahme russischer Sabotageakte. Ein hochrangiger Nato-Vertreter sagte der «Welt am Sonntag» und dem britischen «Telegraph», das Bündnis erwarte eine aggressivere Kommunikation aus Moskau und eine Ausweitung hybrider Angriffe in Europa. Auch Analysten der Bundesregierung gehen dem Bericht zufolge von einer Verschärfung aus. Als Beispiel gilt der versuchte Anschlag mit einer sprengstoffbeladenen Drohne am Flughafen Leipzig/Halle im August. Die Bundesregierung macht Russland für den Angriff verantwortlich und geht davon aus, dass Deutschland weiter Ziel russischer hybrider Operationen bleibt. Nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden spielt dabei vor allem der russische Militärgeheimdienst GRU eine zentrale Rolle. Die russische Botschaft weist Vorwürfe einer Beteiligung Moskaus an Sabotageakten zurück.
Die Türkei und die Vereinten Nationen haben neue Verhandlungen mit der Ukraine und Russland über eine Waffenruhe im Schwarzen Meer organisiert. Das berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Donnerstag. Die Gespräche sollen Anfang Oktober stattfinden, wie ein nicht namentlich genannter hochrangiger Diplomat der Nachrichtenagentur sagte. Als Vermittler tritt demnach die Schweizer Nichtregierungsorganisation Centre for Humanitarian Dialogue auf. Laut Bloomberg wurde die Initiative im September gestartet, um das Schwarzmeer-Getreideabkommen von 2022 wiederzubeleben, das die Sicherheit der kommerziellen Schifffahrt gewährleisten sollte. Russland war im Juli 2023 nach einer Explosion auf der Krim-Brücke aus dem Abkommen ausgestiegen.
Die Ukraine hat nach russischen Angaben Industrieanlagen in der Stadt Wolgograd mit Drohnen angegriffen. Dabei sei ein Feuer in einem Wohnhaus ausgebrochen und eine Person verletzt worden, teilte Gouverneur Andrej Botscharow auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. Der Brand sei inzwischen gelöscht. Welche Anlagen genau Ziel des Angriffs waren, ließ der Gouverneur offen. In Wolgograd befindet sich eine große Ölraffinerie.
Kremlchef Putin sagte unterdessen, die Ukraine habe mit Drohnenangriffen während der Wahl zur russischen Staatsduma den Weg zur Wiederaufnahme von Friedensgesprächen erschwert. Moskau wäre bereit gewesen, die Verhandlungen zur Ukraine am 21. September, einen Tag nach den Wahlen zur Staatsduma, wieder aufzunehmen, sagte Putin in Moskau beim politischen Waldai-Diskussionsforum vor internationalen Experten. Dennoch bleibe Russland bereit, Verhandlungen aufzunehmen und schnellstmöglich abzuschließen. «Aber natürlich zu Bedingungen, die auch für die Russische Föderation, für unser Volk und für das russische Volk akzeptabel sind.» Eine echte Gesprächsbereitschaft Moskaus wird von Kiew, seinen westlichen Verbündeten und Beobachtern allerdings stark angezweifelt. Die Ukraine habe sich getäuscht, als sie auf den Erfolg von Angriffen gegen Russland gesetzt habe, sagte Putin. «Der Gegner hatte erwartet, dass unsere Gesellschaft auseinanderbrechen würde, aber jeder kann sich irren. Doch nur ein Idiot beharrt auf einem Fehler.»
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