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Russland unterhält Geisterstadt in Norwegen: Ein Besuch in Pyramiden

Russland betreibt Geisterstadt Pyramiden auf Spitzbergen als Außenposten

Die ehemalige sowjetische Bergbausiedlung Pyramiden auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen wird vom russischen Staatskonzern Arktikugol weiter betrieben und dient Moskau als symbolischer Außenposten. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist der Tourismus aus Longyearbyen eingebrochen.

Die ehemalige sowjetische Bergbausiedlung Pyramiden auf der zu Norwegen gehörenden arktischen Inselgruppe Spitzbergen wird weiterhin vom russischen Staatskonzern Trust Arktikugol betrieben. Obwohl der Kohlebergbau dort bereits 1998 eingestellt wurde, hält Moskau an dem abgelegenen Ort fest. Der Grund ist weniger wirtschaftlicher Natur: Pyramiden gilt als symbolischer Außenposten Russlands auf norwegischem Territorium, dessen Bedeutung nach innen und außen wirkt.

Pyramiden liegt am Ufer des Billefjords und ist nur per Schiff oder Hubschrauber erreichbar. Die nächste Siedlung, Longyearbyen, befindet sich rund 50 Kilometer Luftlinie entfernt. In den Sommermonaten leben nach Angaben einer Touristenführerin noch etwa 50 bis 80 Menschen dauerhaft in dem Ort. Der Boden, auf dem die Siedlung steht, gehört dem russischen Staatskonzern Arktikugol – eine Besonderheit, die aus der Geschichte des Ortes resultiert.

Gegründet wurde Pyramiden nicht von Russen, sondern von Schweden. Eine Expedition aus Stockholm steckte dort 1910 die ersten Kohlefelder ab und benannte die Siedlung nach dem pyramidenförmigen Berg, der sie überragt. 1926 verkaufte Schweden die Schürfrechte an eine sowjetische Gesellschaft, die sie 1931 an den neu gegründeten Trust Arktikugol weitergab. Den Zweiten Weltkrieg überstand Pyramiden unbeschadet, anders als die russische Siedlung Barentsburg und das norwegische Longyearbyen.

Nach dem Krieg bauten die Sowjets Pyramiden zu einer Mustersiedlung aus. Es entstanden ein Kulturhaus mit einem Konzertsaal für bis zu 300 Menschen, eine beheizte Schwimmhalle, eine Schule, ein Kindergarten, Ställe sowie Gewächshäuser, in denen Gemüse und sogar Wassermelonen angebaut wurden. Der norwegische Archäologe Hein Bjerck beschrieb die Siedlung in einem Beitrag für die Denkfabrik Arctic Institute als Schaufenster des sowjetischen Systems – einen der wenigen Außenposten jenseits des Eisernen Vorhangs.

Heute wirkt Pyramiden wie eine Zeitkapsel. In der ehemaligen Schule hängen Kinderzeichnungen von Rentieren und Gletscherlandschaften an den Wänden, in den Wohnhäusern stehen noch Möbel, in den Regalen Bücher. Die meisten Familien haben den Ort jedoch vor mehr als 30 Jahren verlassen. Nur die Möwen, die sich in den zerbrochenen Fenstern der früheren Familienunterkunft niedergelassen haben, sind noch da. Die Touristenführerin Anastasia nennt das Gebäude «das Tollhaus» – früher hätten dort spielende Kinder geschrien, heute seien es die Möwen.

Nach dem Ende der Sowjetunion fehlte Russland das Geld, um mit Barentsburg und Pyramiden zwei Bergbausiedlungen zu betreiben. Schwere Unglücke verschärften die Lage. Mehr als 20 Bergarbeiter starben nach 1990 in den Gruben. Am 29. August 1996 stürzte ein russisches Flugzeug im Landeanflug auf Longyearbyen am Operafjöllet ab; 141 russische und ukrainische Bergleute und Ingenieure kamen ums Leben. Im März 1998 wurde die letzte Kohle aus den Bergen bei Pyramiden geholt, im darauffolgenden Herbst war der Ort bereits verlassen.

In den neun Jahren danach verfiel die Siedlung zusehends, bis Arktikugol 2009 entschied, aus dem Ort ein Freilichtmuseum zu machen. 2013 wurde das Hotel in Pyramiden wiedereröffnet, auch Barentsburg legte ein umfangreiches Tourismuskonzept vor. Der Plan ging zunächst auf: Während 2014 rund 20.000 Touristen die beiden Ortschaften besuchten, waren es 2020 laut Staatskonzern bereits 37.000. Die Nostalgie sollte vor allem russische Touristen anlocken, das allgemeine Interesse an der Geisterstadt internationale Besucher.

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 brach dieses Geschäftsmodell jedoch zusammen. Die norwegische Tourismusbranche in Longyearbyen beendete die Zusammenarbeit mit Arktikugol, seitdem gibt es keine regulären Touren von Longyearbyen aus mehr in die Geisterstadt. Das ist ein herber Schlag für den Tourismus auf dem Archipel, denn bei Longyearbyen liegt der einzige Flughafen Spitzbergens, auf dem auch Touristen aus Russland ankommen.

Seitdem haben Russen nur noch zwei Möglichkeiten, nach Spitzbergen und damit auch nach Pyramiden zu gelangen. Entweder sie beantragen ein Visum – das Norwegen an Russen nicht ohne Weiteres erteilt – oder sie fahren von Murmansk aus vier Tage mit dem Schiff nach Barentsburg. Die Lenin-Büste, die auf einem Sockel vor dem ehemaligen Kulturzentrum steht und über den Billefjord zum Nordenskiöld-Gletscher blickt, erinnert derweil weiter an den sowjetischen Ursprung des Ortes – und an den Anspruch Moskaus, in der Arktis präsent zu bleiben.

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Elena Mertens

Autor

Nachrichtenredakteurin

Elena Mertens berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

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