Selenskyj hofft weiter auf Taurus – Merz sichert Kiew Milliardenhilfe zu
Bei seinem Besuch in Kiew hat Bundeskanzler Friedrich Merz der Ukraine eine Milliarde Euro für Abfangdrohnen und Waffen mit größerer Reichweite zugesagt. Präsident Wolodymyr Selenskyj hofft weiterhin auf die Lieferung des deutschen Marschflugkörpers Taurus. Russland kündigte unterdessen noch härtere Angriffe an.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hofft weiterhin auf die Lieferung des deutschen Marschflugkörpers Taurus. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Kiew sagte Selenskyj auf die Frage, ob er nach den jahrelangen vergeblichen Bitten noch Hoffnung auf die Waffe habe: «Natürlich. Niemals aufgeben.» Der Taurus kann Ziele in bis zu 500 Kilometern Entfernung präzise treffen und gilt wegen seiner Treffsicherheit und Durchschlagskraft als besonders begehrt.
Die Ukraine hatte die Bundesregierung bereits im Mai 2023 offiziell um die Lieferung der Marschflugkörper gebeten. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) lehnte dies ab, auch aus Sorge vor einer weiteren Eskalation des Krieges. Merz hatte dagegen im Wahlkampf 2025 Sympathien für eine Lieferung im Rahmen einer europäischen Abstimmung erkennen lassen. Konkrete Zusagen für den Taurus gab es bei dem Treffen in Kiew jedoch nicht.
Merz sagte Selenskyj stattdessen die Freigabe von einer Milliarde Euro für die Beschaffung von Abfangdrohnen und Waffen größerer Reichweite zu. Der Taurus ist von dieser Zusage nicht erfasst. Deutschland bleibt damit der wichtigste Unterstützer der Ukraine im Kampf gegen den russischen Angriff. Berlin betont immer wieder, dass Moskau nur eine «Sprache der Stärke» verstehe. Selenskyj forderte: «Alle Länder, die auf der richtigen Seite sind, müssen der Ukraine alles an militärischer Hilfe geben, was die Ukraine braucht.» Das mache eine echte Partnerschaft aus.
Russland kündigte unterdessen noch härtere Schläge gegen Kiew und andere Gebiete der Ukraine an. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, damit auf Drohungen Selenskyjs zu reagieren, weitere militärische Objekte und Rüstungsbetriebe in Russland anzugreifen. Für die Eskalation trage allein Selenskyj die «volle persönliche und politische Verantwortung», hieß es aus Moskau. Der Kreml hatte den Angriffskrieg gegen die Ukraine selbst begonnen. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf Ölraffinerien und andere Ziele in Russland zuletzt dank westlicher Militärhilfe deutlich ausgeweitet.
In der Nacht zum Sonntag griffen ukrainische Drohnen nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes SBU den russischen Militärflugplatz Khanskaya in der Republik Adygeien an. Dabei seien eine Su-35 und eine Su-34 sowie ein Munitionslager getroffen worden. Das tatsächliche Ausmaß der Schäden ist bislang nicht unabhängig bestätigt. Bei russischen Drohnenangriffen auf die ukrainischen Regionen Saporischschja und Dnipro wurden mindestens drei Menschen getötet und mindestens sechs weitere verletzt. In der Oblast Saporischschja explodierte eine Drohne in einer Gartenanlage, eine weitere traf einen Lastwagen. Bei beiden Angriffen starb den regionalen Militärverwaltungen zufolge jeweils ein Mensch. Details zu dem Angriff in Dnipro wurden nicht genannt.
Bei einem russischen Luftangriff auf Charkiw wurde nach ukrainischen Angaben eine Person getötet und sechs weitere Menschen verletzt. Bürgermeister Ihor Terechow teilte dies auf Telegram mit. Die Ukraine versorgt nach eigenen Angaben die russisch besetzte Stadt Oleschky im Süden des Landes erneut per Drohne mit Hilfsgütern. In knapp 400 Paketen habe das Militär fast vier Tonnen Lebensmittel und Medikamente geliefert, erklärte Außenminister Andrij Sybiha auf der Plattform X. Die Frontstadt am Dnipro ist seit 2022 von Russland besetzt. Der Kreml räumt Versorgungsengpässe in Oleschky ein und erklärt, das russische Militär arbeite an deren Lösung.
Unterdessen planten die USA nach Angaben Selenskyjs neue trilaterale Gespräche mit Russland und der Ukraine über ein Ende des Krieges. Die von Washington vermittelten Gespräche sollten bis Ende Oktober stattfinden, sagte Selenskyj am Sonntag vor Journalisten in Kiew. Die USA stünden dafür mit beiden Seiten in Kontakt. Er habe am Samstag mit US-Vertretern gesprochen und ihnen bestätigt, «dass unsere Seite bereit ist, diesen Zeitplan zu unterstützen». Es gehe um ein Treffen auf Experten-Ebene. Zum Ort machte Selenskyj keine Angaben, zeigte sich aber offen für die Vereinigten Arabischen Emirate «oder ein anderes Land, das die US-Seite vorschlägt».
Der frühere estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves rechnet derzeit nicht mit einer unmittelbar bevorstehenden russischen Invasion Estlands. Für den Fall eines Angriffs gab er sich jedoch kompromisslos. Auf die Frage, wie Estland auf bewaffnete Kräfte ohne erkennbare Hoheitsabzeichen reagieren würde, sagte Ilves dem polnischen Portal Onet: «Wenn Leute hier auftauchen, bewaffnet und ohne Hoheitsabzeichen – dann erschießen wir sie.»
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