Ukrainische Drohnen greifen Anlage für Europas größtes Rechenzentrum an
Ukrainische Drohnen haben in der Nacht zum Mittwoch ein Rechenzentrum der russischen Sberbank in Balakowo attackiert. Die Anlage sollte bis 2030 zum größten Rechenzentrum Europas ausgebaut werden. In Luzk töteten russische Drohnen mindestens vier Menschen.
Ukrainische Drohnen haben in der Nacht zum Mittwoch ein milliardenschweres Rechenzentrum der russischen Sberbank in der Stadt Balakowo in der Region Saratow angegriffen. Das bestätigte die Bank, meldete jedoch keine Störungen ihrer Systeme. Die Anlage sollte nach früheren Plänen russischer Behörden bis 2030 zum größten Rechenzentrum Europas ausgebaut werden. Der Komplex umfasst mehr als 55.000 Quadratmeter, geplant sind rund 120.000 Server. Die Investitionen belaufen sich auf 122,2 Milliarden Rubel. Auch Russlands größter Supercomputer sollte dort untergebracht werden. Wie schwer die Anlage beschädigt wurde, ist bislang unklar.
Der ukrainische Drohnenhersteller Fire Point reklamierte die Attacke für sich. Bereits in den vergangenen Tagen waren drei Rechenzentren des russischen Technologiekonzerns Yandex angegriffen worden. Zwei mussten nach Unternehmensangaben ihren Betrieb einstellen. Die Ukraine nimmt damit zunehmend auch Russlands digitale Infrastruktur ins Visier. Die Angriffe auf Rechenzentren sind Teil einer Strategie, die darauf abzielt, die technologische Basis des Landes zu schwächen.
Im Westen der Ukraine töteten russische Drohnenangriffe in der Großstadt Luzk mindestens vier Menschen. Etwa ein Dutzend weitere Menschen wurde verletzt, teilte die Polizei des Gebiets Wolhynien in sozialen Netzwerken mit. Ein Lebensmittelgeschäft geriet in Brand, ein nicht näher bezeichnetes Gebäude im Stadtzentrum wurde beschädigt. Luzk liegt etwas mehr als 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Die Region war in der Vergangenheit vergleichsweise selten Ziel russischer Angriffe.
In der Nacht kam es zudem zu einer großen Explosion im russischen Nowoschachtinsk, einer Stadt in der Nähe von Rostow am Don, die als wichtiger Knotenpunkt für die Verschiffung von russischem Öl gilt. Am 10. Oktober hatte die Ukraine dort ein Ölterminal angegriffen, das seitdem in Flammen stand und nicht gelöscht werden konnte. Nun hat das Feuer offenbar einen oder mehrere Öltanks zerstört. Auf Videos von Augenzeugen ist zu sehen, wie eine große Explosion das Öllager in Flammen hüllt. Bislang haben sich die regionalen Behörden noch nicht zu möglichen Opfern geäußert.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beklagte unterdessen eine fehlende Vorwarnung durch die westlichen Verbündeten nach russischen Raketenangriffen auf Kiew. «Zu diesem Angriff gab es leider keine Vorwarnung von unseren Partnern», teilte Selenskyj bei Telegram mit. «Aufklärungsdaten über den Abschuss russischer ballistischer Raketen helfen dabei, Menschenleben zu retten, und das ist eine der kritischsten Fragen», sagte er. «Aber direkte oder indirekte Unterstützung Russlands, die Behinderung der Hilfe für die Ukraine und die Erschwerung des Schutzes vor ballistischen Angriffen – all das trägt definitiv nicht zum Frieden bei», so Selenskyj weiter. Der Präsident nannte keinen Partner namentlich, betonte aber, das Land brauche ein starkes Amerika, ein starkes Europa und Partner, «die wirklich helfen». Er forderte wirksamen Druck auf Russland.
In der Region Pensa ereignete sich am Dienstag eine Explosion an einer großen Erdgaspipeline. Eine bis zu 70 Meter hohe Stichflamme stieg auf, berichtete die russische Zeitung «Kommersant» unter Berufung auf die Regionalregierung. Betroffen ist die Pipeline «Zentralasien–Zentrum» nahe dem Dorf Woltschkowo. Die Behörden sperrten die Leitung nach dem Vorfall ab und unterbrachen den Gasfluss. Durch die Hitze geriet auch die umliegende Vegetation in Brand. Nach bisherigen Angaben gab es weder Tote noch Verletzte. Die betroffene Leitung gehört zum russischen Staatskonzern Gazprom und ist Teil eines rund 5.000 Kilometer langen Pipelinesystems, das Russland mit Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan verbindet. Die Ursache der Explosion war zunächst unklar. Ob die Gasversorgung durch den Vorfall längerfristig beeinträchtigt wird, ist noch nicht bekannt.
Litauens Ministerpräsident Mindaugas Sinkevičius brachte weitere ukrainische Angriffe auf Rechenzentren in Russland ins Gespräch. «Ich denke, wir sollten Herrn Selenskyj bitten, weitere Rechenzentren in Russland anzugreifen. Vielleicht würde das helfen», sagte er am Montag beim Warschauer Sicherheitsforum. Sinkevičius reagierte damit auf die Frage, wie Litauen, Polen und andere europäische Staaten ihre Wahlen besser vor ausländischer Einflussnahme schützen könnten. Das berichtete der litauische Rundfunk LRT unter Berufung auf die Nachrichtenagentur BNS. Der Regierungschef sprach sich zudem für eine engere europäische Zusammenarbeit in der Verteidigung aus. Europa müsse seine Verteidigungsindustrie stärken und stärker von den Erfahrungen der Ukraine lernen, sagte er.
Finnland forderte ein EU-weites Verbot von Touristenvisa für russische Staatsbürger. Solange Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortsetze, sollten keine entsprechenden Visa mehr ausgestellt werden, erklärte Außenministerin Elina Valtonen am Montag. «Es ist nicht richtig, dass Russen nach Europa reisen und hier die Lebensart und Freiheiten genießen können, während ihr Land die Häuser von Ukrainern zerstört», sagte sie.
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