Wetterexperten spielen Extrem-Winter an der Ostseeküste durch
Ein Gedankenspiel zeigt, wie an der deutschen Ostseeküste binnen weniger Tage ein Meter Neuschnee fallen könnte. Es ist keine Vorhersage, sondern ein Szenario, das zeigt, wie verwundbar das Flachland gegenüber Lake-Effect-Schneebändern ist.
An der deutschen Ostseeküste könnte im Flachland theoretisch binnen weniger Tage ein Meter Neuschnee fallen. Das geht aus einem durchgespielten Szenario hervor, das derzeit für Aufmerksamkeit sorgt. Ausdrücklich handelt es sich dabei nicht um eine Vorhersage für den kommenden Winter, sondern um ein Gedankenspiel, das die Mechanismen extremer Schneefälle an der Küste veranschaulicht.
Ausgangspunkt des Szenarios ist ein Januar mit ungewöhnlich mildem Herbst zuvor. Die Ostsee ist für die Jahreszeit noch auffällig warm. Über Skandinavien baut sich ein kräftiges Hoch auf, der Wind dreht auf Nordost, und aus Russland strömt bitterkalte Luft heran. Nachts sinkt das Thermometer auf minus zwölf Grad. Am ersten Tag fallen zunächst nur wenige Flocken auf Rügen und in Vorpommern, vielleicht fünf Zentimeter. Niemand ahnt, was da beginnt.
Am zweiten Tag wird die Ostsee zur Schneekanone. Die eisige Luft zieht über das vergleichsweise warme Wasser und saugt sich mit Feuchtigkeit voll. Es bilden sich schmale, aber extrem heftige Schneebänder, die wie an einer Schnur aufgereiht immer wieder über dieselben Orte ziehen. Meteorologen nennen dieses Phänomen Lake-Effect. An den Großen Seen in den USA ist er berüchtigt, dort begräbt er regelmäßig ganze Städte unter Schnee. Am Abend liegen in Teilen Vorpommerns bereits 40 Zentimeter, und ein Ende ist nicht in Sicht.
Am dritten Tag schneit es weiter, stundenlang, oft mehrere Zentimeter pro Stunde. Der Winterdienst kommt nicht mehr hinterher, Landstraßen verschwinden unter weißen Wänden. Die ersten Dörfer sind nur noch zu Fuß erreichbar. Dann kommt das eigentliche Problem: das Gewicht. Je nachdem, wie stark sich der Schnee setzt, lasten bald 100 bis 300 Kilo pro Quadratmeter auf den Dächern. Erste Carports und Hallen geben nach, die Feuerwehr ist im Dauereinsatz.
Am vierten Tag ist die Marke geknackt: ein Meter Neuschnee, gemessen im Flachland. Bahnstrecken sind gesperrt, auf der A20 stecken Lastwagen fest, Schulen und Kitas bleiben zu. Unter der Schneelast reißen Stromleitungen, Tausende Haushalte sitzen im Kalten. Supermärkte in der Region bekommen keine Ware mehr, Rettungsdienste kämpfen sich mit Räumfahrzeugen Meter für Meter voran. Im Rest der Republik schaut man ungläubig auf die Bilder. In Frankfurt oder Köln liegt zur gleichen Zeit keine einzige Flocke.
Droht das wirklich in diesem Winter? Die ehrliche Antwort lautet: innerhalb eines einzigen Tages sicher nicht. Selbst in der Schweiz gelten 30 bis 60 Zentimeter im Flachland vom März 2006 bis heute als absoluter Rekord. Verteilt über mehrere Tage und begrenzt auf einen schmalen Küstenstreifen, ist ein solches Ereignis aber nicht ausgeschlossen, nur extrem selten. Ob es ausgerechnet diesen Winter passiert, kann heute niemand seriös sagen.
Bemerkenswert ist der Zusammenhang mit dem Klimawandel. Eine wärmere Ostsee liefert mehr Feuchtigkeit für solche Schneebänder. Fehlt nur noch die richtige Kälte zur richtigen Zeit. Darauf wetten sollte man nicht, ausschließen aber auch nicht. Das Szenario macht deutlich, wie verwundbar das Flachland gegenüber extremen Schneefällen ist, auch wenn diese nur selten auftreten.
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