Ungarn feiert 70. Jahrestag des Aufstands von 1956
Ungarns Regierung begeht den 70. Jahrestag der Revolution gegen die kommunistische Herrschaft mit Gästen aus ganz Europa. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und Ministerpräsident Magyar sprechen, Bundeskanzler Merz lässt sich vertreten. Die Feierlichkeiten stehen auch im Zeichen der Abkehr von Viktor Orban.
Ungarn begeht den 70. Jahrestag des Volksaufstands von 1956 mit einer zentralen Feierstunde im Parlament und einer Rede von Ministerpräsident Peter Magyar auf dem Kossuth-Platz. Zu den Gästen zählt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die am frühen Nachmittag im Parlament sprechen soll. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wird durch Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) vertreten. Die Feierlichkeiten fallen in eine Zeit des politischen Umbruchs: Die bürgerliche Tisza-Partei von Magyar hatte im April die Parlamentswahl gewonnen und die 16-jährige Regierungszeit von Viktor Orban beendet.
Der Aufstand begann am 23. Oktober 1956, als rund 200.000 Menschen vor dem Parlament Veränderungen forderten. Ein Teil der Menge stürzte die zehn Meter hohe und sechs Tonnen schwere Stalin-Statue vom Sockel. Nachdem Einheiten der Staatssicherheit am 25. Oktober auf friedliche Demonstranten geschossen hatten, bewaffneten sich die Aufständischen; die ungarische Armee lief weitgehend auf ihre Seite über. Die Regierung unter dem Reformkommunisten Imre Nagy proklamierte einen demokratischen Sozialismus mit Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit sowie legalen Parteien. Am 1. November erklärte Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt. Am 4. November schlugen sowjetische Truppen den Aufstand in blutigen Straßenkämpfen nieder.
Nach der Niederschlagung setzten die Sowjets den kommunistischen Funktionär Janos Kadar ein, der eine gnadenlose Rachejustiz entfesselte. Mehr als 200 Revolutionsteilnehmer, darunter Nagy und seine engsten Mitstreiter, wurden nach standgerichtlichen Prozessen hingerichtet, 22.000 Menschen oft für lange Jahre inhaftiert. Rund 200.000 Ungarn flohen über Österreich in den Westen. Kadar lockerte später seinen harten Kurs und erlaubte begrenzte private Wirtschaftstätigkeit, was als «Gulaschkommunismus» bekannt wurde. Über 1956 durfte jedoch jahrzehntelang nicht gesprochen werden.
Erst in den Wendejahren 1989/90 wurde die Erinnerung möglich. Am 16. Juni 1989 erlaubten die Kommunisten die Neubestattung Nagys und seiner Mitstreiter. Beim Gedenkakt auf dem Budapester Heldenplatz hielt ein junger Studentenführer eine scharfe Rede, die den Bruch mit dem Kommunismus markierte und Viktor Orban landesweit bekannt machte. Orban regierte von 1998 bis 2002 und von 2010 bis zu seiner Abwahl in diesem Frühjahr. In seiner Amtszeit baute er eine korrupte Halb-Autokratie aus und lehnte sich ab 2014 zunehmend an das Russland von Wladimir Putin an, was viele Ungarn als Verrat an den Idealen von 1956 empfanden.
Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag erinnern daher nicht nur an das mutige und tragische Aufbegehren gegen eine imperialistische Weltmacht. Sie stehen auch für die Abkehr vom Weg in die Unfreiheit, den Orban einschlug – auch wenn diese nie das Ausmaß der kommunistischen Unterdrückung erreichte. Mit der Teilnahme von der Leyens und der Vertretung durch Bilger unterstreicht die Veranstaltung die europäische Dimension des Gedenkens. Magyar, der als neuer Ministerpräsident die Feierstunde auf dem Kossuth-Platz nutzt, verbindet die historische Erinnerung mit dem Anspruch einer demokratischen Neuausrichtung Ungarns.
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