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Donnerstag, 15. Oktober 2026

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Misstrauen in Elon Musk: Europa baut sich mit Iris² eigenes Starlink

Europa baut mit Iris² eigenes Satellitennetz als Alternative zu Starlink

Die EU treibt den Aufbau eines eigenen Satellitenkommunikationssystems voran. Iris² soll unabhängig von Elon Musks Starlink machen und militärische wie zivile Nutzung ermöglichen. Das deutsche Unternehmen OHB profitiert mit einem Großauftrag.

Die Europäische Union beschleunigt den Aufbau eines eigenen Satellitenkommunikationsnetzes, um die Abhängigkeit von Elon Musks Starlink zu verringern. Das Programm mit dem Namen Iris² – «Infrastruktur für Resilienz, Vernetzung und Sicherheit per Satellit» – soll der EU eine unabhängige und sichere Kommunikationsinfrastruktur im All verschaffen. Wie wichtig dieses Vorhaben ist, zeigt der Krieg in der Ukraine: Dort hatten ukrainische Einheiten in der Nacht zum Mittwoch plötzlich Probleme mit der Steuerung ihrer Drohnen. Die Starlink-Terminals funktionierten zwar weiterhin, doch die Datenübertragung war gestört. Videobilder aktualisierten sich nicht mehr kontinuierlich, Steuerbefehle kamen verzögert oder gar nicht an, und Drohnen ließen sich ab einer bestimmten Geschwindigkeit nicht mehr in Echtzeit lenken. Zusatzfunktionen des militärischen Dienstes Starshield waren deaktiviert. Die Folge: Die Bekämpfung beweglicher Ziele verschlechterte sich, die Gefechtsfeldkontrolle war beeinträchtigt, einzelne Einsätze scheiterten oder mussten abgebrochen werden.

Eine offizielle Bestätigung dafür, dass die US-Regierung den ukrainischen Zugang vorübergehend eingeschränkt hat, gibt es bislang nicht. Die Probleme haben sich inzwischen entschärft. Dennoch fordern republikanische Senatoren eine Untersuchung der Starshield-Beschränkungen und werfen Präsident Trump vor, Russlands Präsident Putin zu unterstützen. Der Vorfall macht deutlich, wie verletzlich die Abhängigkeit von einem einzelnen Satellitendienst sein kann. Die USA könnten mit einem Knopfdruck Armeen entscheidend schwächen. Diese Erkenntnis ist längst nicht mehr nur in der Ukraine präsent, sondern in vielen Teilen der Welt.

Die EU reagiert darauf mit einem milliardenschweren Alternativnetzwerk. Bereits heute betreibt der weitgehend europäische Anbieter Eutelsat mit OneWeb ein Netz von 648 Satelliten in rund 1.200 Kilometern Höhe. Der französische und der britische Staat sind große Anteilseigner der Eutelsat Group mit Sitz in Paris, auch ein indischer Konzern ist beteiligt. Zu den Kunden zählen Schifffahrt, Ölplattformen und abgelegene Industriestandorte, aber auch Verteidigungsbehörden, die darüber Backup-Verbindungen und sichere Satellitenkommunikation laufen lassen. Taiwan hat Eutelsat 2024 beauftragt, die Telekommunikationsinfrastruktur des Landes zu stärken, nachdem Zweifel an der politischen Verlässlichkeit von Elon Musk aufgekommen waren.

Eutelsat ist jedoch primär Aktionären und dem Markt verpflichtet. Deshalb hat die EU 2024 beschlossen, eine breiter aufgestellte Lösung mit verschiedenen europäisch geprägten Unternehmen zu schaffen. Iris² ist das dritte große europäische Satellitenprogramm nach Galileo für Navigation und Copernicus für Erdbeobachtung. Neben Eutelsat sind das spanisch kontrollierte Hispasat und SES beteiligt, bei dem der luxemburgische Staat Ankeraktionär ist. Im August unterzeichneten die EU-Kommission und das SpaceRISE-Konsortium ein Abkommen, um das Programm auszuweiten und in die Umsetzung zu gehen. 2029 sollen die Satelliten im All sein. Aus dem ursprünglichen Konzessionsvertrag vom Dezember 2024 mit 290 Satelliten und 10,55 Milliarden Euro wurde eine geplante Gesamtinvestition von mehr als 15,6 Milliarden Euro und zusätzlichen Satelliten. 11,6 Milliarden Euro stammen aus öffentlichen Mitteln der Europäischen Kommission und der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), die Industriepartner bringen gemeinsam bis zu 4 Milliarden Euro auf.

Vom Satellitenboom profitiert auch der deutsche Raumfahrtkonzern OHB. Das Unternehmen ist einer der Lieferanten für Iris² und erhielt einen Auftrag über knapp eine Milliarde Euro für den Bau von 18 Satellitenplattformen. Der Aktienkurs von OHB schnellte in diesem Jahr in die Höhe. Zudem bewirbt sich OHB zusammen mit Rheinmetall Digital um einen möglichen deutschen Beschaffungsauftrag der Bundeswehr im Bereich Satellitenkommunikation, der bis zu zehn Milliarden Euro schwer sein könnte. Die Rede ist von einem militärischen «Starlink für die Bundeswehr». Dieses Vorhaben steht allerdings im Widerspruch zur Idee, nationale Alleingänge in der EU möglichst zu vermeiden. Iris² soll breiter aufgestellt sein und auch zivile Nutzungen ermöglichen.

Auch andere Weltregionen setzen auf eigene Satellitenkommunikation. China brachte am 16. September erstmals von einem Spezialschiff vor Shanghai eine Gravity-1-Rakete ins All, die Satelliten für die chinesische Starlink-Variante Qianfan («Tausend Segel») transportierte. Fischer und die Handelsschifffahrt mussten ihre Routen ändern. Pläne für Qianfan existieren seit 2018, verliefen aber lange schleppend. Eine Analyse des Berliner Mercator Institute for China Studies stellt fest, dass Chinas Militär vom umfassenden Einsatz von Starlink im Ukraine-Krieg überrascht wurde, was den Bedarf an einer eigenen Satellitenkonstellation noch verstärkte. In Brasilien bieten die Chinesen ihre Dienste bereits an. 256 der chinesischen Satelliten für das System sind bislang im Orbit.

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Christoph Reichert

Autor

Politischer Korrespondent

Christoph Reichert berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

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