Generalkonferenz für Maß und Gewicht will Schaltsekunde abschaffen
Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht entscheidet in Versailles über die Abschaffung der Schaltsekunde. Weil die Erde zuletzt schneller rotierte, könnte erstmals eine Sekunde abgezogen werden. Industrie und Infrastrukturbetreiber warnen vor Risiken.
Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht will die Schaltsekunde abschaffen. Das Gremium entscheidet an diesem Donnerstag in Versailles über eine Neuregelung der Weltzeit, die das jahrzehntelange Hin und Her zwischen Atomuhren und Erdrotation beenden soll. Betroffen ist eine Maßeinheit, die kaum jemand kennt, die aber den Takt von Computern, Stromnetzen und Navigationssystemen weltweit mitbestimmt.
Die Schaltsekunde gleicht seit 1972 die Koordinierte Weltzeit UTC an die Astronomische Universalzeit UT1 an. Während Atomuhren mit unerschütterlicher Gleichförmigkeit laufen, trudelt die Erde mal schneller, mal langsamer um ihre Achse. Damit die Abweichung nicht mehr als 0,9 Sekunden beträgt, schiebt der Internationale Erdrotations- und Referenzsystemdienst bei Bedarf eine Extrasekunde ein, entweder am 30. Juni oder am 31. Dezember. Dann hat eine Minute 61 statt 60 Sekunden. Seit 1972 ist das 27 Mal geschehen, zuletzt Ende 2016.
Nun aber eilt die Erde der Zeit erstmals voraus. Über lange Zeiträume bremsen Mond und Sonne den Planeten mit ihren Gezeitenkräften ab, doch in jüngster Zeit hat sich die Rotation beschleunigt. Deshalb könnte von der Weltzeit erstmals eine Sekunde abgezogen statt hinzugefügt werden. Ein solcher negativer Schaltsprung wäre ein Novum und birgt nach Einschätzung von Fachleuten unkalkulierbare Risiken für die Technik rund um den Globus.
Betreiber von Computerfirmen, Stromnetzen sowie Telekommunikations- und Verkehrssystemen warnen vor hohem Aufwand und noch höheren Kosten. Sie fürchten, dass ein Eingriff in die Zeitrechnung Software und Infrastruktur durcheinanderbringen könnte. Die bisherige Praxis hat bereits in der Vergangenheit vereinzelt Computer zum Stolpern gebracht. Die neue Regel soll die Uhren stattdessen einfach durchlaufen lassen und Abweichungen von bis zu 3600 Sekunden zulassen, also eine volle Stunde. Diese Entkopplung vom Rhythmus des Planeten soll mehrere Jahrhunderte lang für Ruhe sorgen.
Für die Wissenschaft bedeutet der Schritt eine Zäsur. Die Schaltsekunde war eine weltweit verordnete Atempause, um die unregelmäßige Erdrotation mit der gleichmäßigen Atomzeit zu versöhnen. Künftig richtet sich die zivile Zeit allein nach den Atomuhren, während die Astronomie die Differenz zur Erdrotation weiterhin beobachtet. Ob die Industrie den Wegfall der Schaltsekunde tatsächlich als Entlastung erlebt, hängt davon ab, wie die technischen Systeme auf die neue Regel reagieren.
Die Entscheidung in Versailles fällt damit nicht nur über eine Sekunde, sondern über das Verhältnis von menschlicher Zeitmessung und natürlichen Himmelsrhythmen. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht, die oberste Instanz für Maßeinheiten, besiegelt mit ihrem Votum eine Entwicklung, die seit Jahren diskutiert wird. Kritiker sehen darin einen endgültigen Abschied von der Vorstellung, dass die Uhr auf Erden mit der Erde selbst im Takt bleiben muss.
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