Der Kinderschutzbund hat angesichts zunehmender sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige im Internet die Einführung von Meldebuttons auf digitalen Plattformen gefordert. Betreiber wie Twitch, Instagram und TikTok müssten stärker in die Pflicht genommen werden, um Kinder und Jugendliche vor sogenanntem Cybergrooming zu schützen, erklärte der Verband. Hintergrund ist ein deutlicher Anstieg der registrierten Sexualdelikte an Minderjährigen im Netz, den das Bundeskriminalamt (BKA) zuletzt dokumentiert hat.
Cybergrooming bezeichnet die gezielte Kontaktaufnahme von Erwachsenen mit Minderjährigen über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Handlungen anzubahnen. Die Täter nutzen dabei häufig soziale Netzwerke, Messenger-Dienste oder Online-Spiele, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen. Nach Angaben des BKA ist die Zahl der erfassten Fälle in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Allein im Jahr 2023 wurden bundesweit mehr als 18.000 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie von Cybergrooming registriert – ein Anstieg von rund sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Der Kinderschutzbund sieht in den Plattformbetreibern eine zentrale Verantwortung, die bisher nicht ausreichend wahrgenommen werde. „Die Unternehmen verfügen über die technischen Möglichkeiten, um verdächtige Kontaktaufnahmen zu erkennen und zu unterbinden“, sagte eine Sprecherin des Verbandes. „Was fehlt, ist der politische Wille, sie dazu zu zwingen.“ Konkret fordert der Kinderschutzbund, dass auf allen Plattformen, die von Minderjährigen genutzt werden, ein leicht auffindbarer Meldebutton integriert wird. Über diesen sollen Nutzer verdächtige Profile oder Nachrichten direkt an die Betreiber sowie an die Strafverfolgungsbehörden melden können.
Die Forderung reiht sich ein in eine breitere Debatte über die Regulierung digitaler Plattformen. Auf europäischer Ebene wurde mit dem Digital Services Act (DSA) bereits ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der große Online-Plattformen zu mehr Sorgfaltspflichten verpflichtet. Dazu gehört auch die Pflicht, illegale Inhalte wie Kinderpornografie oder Cybergrooming zu melden und zu löschen. Der Kinderschutzbund kritisiert jedoch, dass die Umsetzung in der Praxis schleppend verlaufe und die Meldewege für Nutzer oft zu kompliziert seien. „Viele Kinder und Jugendliche wissen nicht, wo sie Übergriffe melden können, oder sie scheuen den Aufwand“, so die Sprecherin.
Besonders betroffen von Cybergrooming sind nach Einschätzung von Experten Mädchen und junge Frauen, aber auch Jungen werden zunehmend Opfer. Die Täter gehen dabei oft systematisch vor: Sie geben sich als Gleichaltrige aus, bauen über längere Zeit eine emotionale Bindung auf und versuchen dann, die Kinder zu intimen Handlungen zu drängen – etwa zur Übersendung von Nacktfotos oder zu Treffen. Die psychischen Folgen für die Betroffenen sind häufig schwerwiegend und reichen von Angstzuständen über Schlafstörungen bis hin zu Depressionen.
Neben dem Meldebutton fordert der Kinderschutzbund auch eine bessere Ausstattung der Ermittlungsbehörden. Die Polizei müsse personell und technisch in die Lage versetzt werden, die steigende Zahl von Fällen zu bearbeiten. Zudem sei eine verstärkte Präventionsarbeit in Schulen und Familien notwendig. „Kinder müssen früh lernen, wie sie sich im Internet sicher bewegen und an wen sie sich wenden können, wenn sie etwas beunruhigt“, betonte die Sprecherin.
Die Plattformbetreiber selbst verweisen auf bereits bestehende Maßnahmen. So haben Meta (Facebook, Instagram), Google (YouTube) und TikTok in den vergangenen Jahren verschiedene Funktionen eingeführt, um Minderjährige zu schützen – etwa Altersbeschränkungen, Privatsphäre-Einstellungen und Meldeoptionen. Der Kinderschutzbund hält diese Angebote jedoch für unzureichend. „Die Meldewege sind oft versteckt, die Reaktionszeiten zu lang und die Rückmeldungen für die Nutzer unzureichend“, kritisierte der Verband.
Die Diskussion um Cybergrooming gewinnt auch vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung des Alltags an Dringlichkeit. Immer jüngere Kinder nutzen Smartphones und Tablets und sind damit potenziell Risiken ausgesetzt. Eine Studie des Deutschen Kinderhilfswerks aus dem Jahr 2023 ergab, dass bereits jedes dritte Kind zwischen acht und zwölf Jahren mindestens einmal unangenehme Kontakte im Internet erlebt hat. Der Kinderschutzbund appelliert daher an die Politik, die Regulierung von Plattformen zu verschärfen und die Rechte von Kindern im digitalen Raum konsequent zu stärken.
