Die radikalislamischen Taliban haben ihren eigenen Regierungsangestellten die Nutzung von Smartphones untersagt. Bei Zuwiderhandlung droht die Kündigung, wie die UN-Hilfsmission für Afghanistan (Unama) in einer aktuellen Stellungnahme mitteilte. Die Anordnung sei bereits Mitte Juni ergangen, werde aber von den verschiedenen Regierungsstellen unterschiedlich ausgelegt. Der Schritt offenbart die tiefen Gräben innerhalb der Taliban-Führung im Umgang mit moderner Technologie.
Internationale Medien, darunter der Sender Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL), veröffentlichten Videoaufnahmen, auf denen Taliban-Mitglieder Smartphones mit Werkzeugen zerstören: Sie schlagen Displays kaputt oder brechen die Geräte an Tischkanten ab. Unama zufolge haben die betroffenen Beamten unterschiedlich reagiert. Ein Sprecher einer lokalen Polizeibehörde habe seine Aktivitäten auf Facebook eingestellt. Ein anderer Beamter gab an, nach Dienstschluss nur noch mit seinem Laptop in sozialen Medien zu posten. Auffällig ist, dass zahlreiche offizielle Accounts der Taliban-Regierung weiterhin in sozialen Netzwerken aktiv sind – ein Widerspruch zur offiziellen Linie.
Hinter dem Verbot steht ein interner Machtkampf zwischen Hardlinern und Pragmatikern. Die oberste Führung um Haibatullah Achundsada, die von der südlichen Stadt Kandahar aus regiert, betrachtet Smartphones und Internetzugang als moralisches Laster. Demgegenüber stehen Pragmatiker in der Hauptstadt Kabul, die das Internet als wirtschaftliche Chance sehen. Vor allem Handwerksbetriebe nutzen soziale Netzwerke inzwischen intensiv zur Kundenakquise und Vermarktung.
Bereits im vergangenen Herbst hatte Achundsada das gesamte Internet in Afghanistan für rund zwei Tage abschalten lassen, um angeblichUnmoral zu verhindern
. Smartphones sind im Land zum zentralen Kommunikationsmittel geworden. Offizielle Dokumente werden häufig über den Messengerdienst WhatsApp versendet. Das Verbot richtet sich ausdrücklich nur an Regierungsangestellte, doch die Symbolwirkung ist weitreichend.
Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Eine vollständige Ablehnung moderner Kommunikationstechnologie könnte Afghanistans wirtschaftliche Entwicklung weiter behindern und die humanitäre Lage verschlechtern. Gleichzeitig verdeutlicht das Verbot, dass die Taliban-Führung weiterhin um eine einheitliche Position ringt – während sie auf der einen Seite Verbote verhängt, bleiben offizielle Stellen auf der anderen Seite digital präsent.
Die unterschiedliche Umsetzung sowie die weiterhin aktiven offiziellen Accounts demonstrieren die innere Zerrissenheit der Taliban. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Hardliner langfristig durchsetzen oder die pragmatischen Kräfte innerhalb der Regierung eine Öffnung erreichen können.
