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EU-Kommission will Heringsfang in der westlichen Ostsee weiter einschränken

Vor den Beratungen der EU-Fischereiminister schlägt die Kommission drastische Kürzungen bei Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee vor. Ein Fischereiexperte hält die Ausnahme für Küstenfischer für den letzten verbliebenen Spielraum.

Vor den Beratungen der EU-Fischereiminister Anfang kommender Woche steht die Zukunft der letzten Ausnahmen für die Küstenfischerei an der deutschen Ostseeküste auf der Kippe. Die EU-Kommission empfiehlt, die Erlaubnis zum gezielten Heringsfang mit kleinen Booten und passivem Fanggerät im kommenden Jahr nicht fortzuführen. Der Fischereiexperte Christopher Zimmermann, der das Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei leitet, hält diese Ausnahme dagegen für den einzigen verbliebenen Strohhalm der Küstenfischer.

Konkret geht es um Boote unter zwölf Metern Länge, die mit Stellnetzen und anderem passivem Fanggerät weiterhin gezielt Heringe fangen dürfen. Ansonsten durfte Hering in der westlichen Ostsee zuletzt nur noch als unbeabsichtigter Beifang angelandet werden. Zimmermann sagte der Deutschen Presse-Agentur, die zuletzt noch zugelassene Fangmenge für Hering der westlichen Ostsee habe keinen messbaren Einfluss mehr auf die Bestandsentwicklung. Nach seinen Angaben liegt die verbleibende Quote bei nur noch drei Prozent im Vergleich zu 2017, und selbst diese geringen Mengen würden von den hiesigen Fischern nicht mehr ausgeschöpft.

Der Naturschutzbund Nabu sieht die Lage anders. Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz beim Nabu Bundesverband, erklärte: „Angesichts der dramatischen Bestandssituation kommt es heute auf jede Tonne laichbereiten Herings an, damit sich die Bestände trotz der zusätzlichen Belastungen durch die Klimakrise erholen können.“ Vor diesem Hintergrund wirkten die bisherigen Ausnahmen für die passive Heringsfischerei in der westlichen Ostsee nicht mehr zeitgemäß.

Auch beim Dorsch zeichnet sich eine deutliche Verschärfung ab. Dorsch darf in der westlichen Ostsee bereits nicht mehr gezielt gefischt werden, sondern nur noch als Beifang. Die EU-Kommission empfiehlt für das kommende Jahr eine Reduzierung der Fangmenge um fast 90 Prozent. Dabei galten Dorsch und Hering einst als sogenannte Brotfische der hiesigen Betriebe und sicherten deren Auskommen. Zimmermann verwies darauf, dass es inzwischen kaum noch eine Dorschfischerei gebe.

Zimmermann plädiert dafür, die Verhandlungen zu verkürzen. „Spart euch den Verhandlungsatem und macht einfach einen Rollover, also alles genau wie letztes Jahr“, sagte er. Die Fischerei habe auf diese Bestände keinen messbaren Einfluss mehr, weshalb weitere Kürzungen aus seiner Sicht wenig bewirken. Die Erholung der Bestände werde vielmehr von Umwelt- und Klimaeinflüssen bestimmt.

Zu den Ursachen zählen laut den Angaben mehrere Faktoren. Auf die Überfischung früherer Jahre folgen Belastungen durch Umwelt und Klima. Dorsch in der westlichen Ostsee erreiche das Erwachsenenalter nicht, weil das Wasser in oberen Schichten ab Juli zu warm sei und in unteren Schichten nicht ausreichend Sauerstoff enthalte. Zum Sauerstoffmangel trägt der Eintrag von Nährstoffen bei. Diese fördern das Wachstum von Algen, deren Zersetzung durch Bakterien wiederum Sauerstoff verbraucht. Für die gesamte Ostsee stammten die meisten Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft, etwa von überschüssigem Dünger. Bezogen auf Deutschland komme der größte Eintrag dagegen aus der Atmosphäre, unter anderem durch Stickoxide von Dieselmotoren sowie aus Erdöl- oder Erdgasheizungen.

Auch die Küstenfischer selbst kämpfen mit Problemen. Kegelrobben fressen in Vorpommern die Heringe aus den Stellnetzen, Schiffsdiesel ist teuer, und in diesem Jahr kam ein Eiswinter hinzu. All das behindert eine wirtschaftliche Fischerei. Beim Hering wiederum bringen warme und späte Winter die Entwicklung des Nachwuchses durcheinander.

Zimmermann hätte es für denkbar gehalten, im kommenden Jahr beim Westhering wieder in geringem Umfang gezielt zu fischen. Forschungen seines Instituts zeigten allerdings, dass der Bestand wegen des Klimawandels nie wieder so produktiv sein werde wie vor 30 Jahren. Daher müsse man auch einen neuen Maßstab anlegen, ab wann wieder nachhaltig gezielt gefischt werden könne. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES), dem Zimmermann angehört, habe sich bislang dagegen entschieden und gehe weiter von nicht mehr erreichbaren Referenzwerten aus. Aus Sicht Zimmermanns ist das die falsche Entscheidung.

Die Vorschläge der Kommission sehen bei anderen Beständen ein anderes Bild. Beim Hering der zentralen Ostsee ist eine Anhebung der Fangmenge um rund 50 Prozent vorgesehen. Zimmermann nannte diese Frage „total spannend“. Eine Möglichkeit sei, dass die Erwärmung im Frühjahr sogar für mehr Nachwuchs sorge, allerdings nur für einige Jahre. Die Entscheidung über die Fangmengen treffen die Fischereiminister der EU-Länder jährlich im Oktober. Die Mengen werden anschließend anhand von Quoten auf die Anrainerstaaten verteilt.

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Franziska Thielmann

Autor

Reporterin

Franziska Thielmann berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

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