IG Metall fordert fünf Prozent mehr Lohn für 3,7 Millionen Beschäftigte
Die IG Metall startet mit einer Forderung von fünf Prozent mehr Geld in die Tarifrunde für die deutsche Metall- und Elektroindustrie. Arbeitgeberpräsident Dinglreiter warnt vor einer Überforderung der kriselnden Branche, die Gewerkschaft droht bei Angriffen auf die 35-Stunden-Woche mit Widerstand.
Die IG Metall geht mit einer Forderung von fünf Prozent mehr Lohn in die Tarifrunde für die deutsche Metall- und Elektroindustrie. Das teilte die Gewerkschaft nach ihrer Vorstandssitzung in Frankfurt mit. Betroffen sind rund 3,7 Millionen Beschäftigte in Schlüsselbranchen wie der Autoindustrie, dem Maschinenbau, der Metallbearbeitung, der Elektrotechnik und dem sonstigen Fahrzeugbau. Neben der Entgelterhöhung verlangt die Gewerkschaft eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte in sogenannten Boom-Unternehmen sowie Verhandlungen über die Absicherung von Arbeitsplätzen und Standorten. Der neue Tarifvertrag soll nach dem Willen der IG Metall eine Laufzeit von zwölf Monaten haben.
Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner begründete die Forderung mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten und der angespannten Stimmung in den Betrieben. «Statt Krisenrhetorik, Angriffen auf soziale Standards und Schwarzmalerei erwarten die Beschäftigten sichere Jobs, Ausgleich für gestiegene Preise und einen gerechten Anteil an den Gewinnen der Unternehmen», sagte Benner in Frankfurt. Sie wandte sich entschieden gegen drohende Werksschließungen und Forderungen nach unbezahlter Mehrarbeit. «Verlagerungsdrohungen als Ablenkungsmanöver von Management-Versagen akzeptieren wir nicht», betonte sie. Ein Angriff auf die 35-Stunden-Woche sei «nicht akzeptabel».
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies die Forderung scharf zurück. Viele Unternehmen könnten in Deutschland nicht mehr rentabel wirtschaften, sagte Verbandspräsident Udo Dinglreiter. Es gebe nicht den Luxus, über die Verteilung von Zuwächsen zu verhandeln. «Für zu viele unserer Unternehmen geht es um ihre Existenz. Jetzt muss es darum gehen, Kosten zu senken und den Standort zu retten», so Dinglreiter. Die IG Metall ignoriere die Dimension und Tiefe der Krise der Branche. Die ersten Verhandlungen auf regionaler Ebene sind ab dem 7. Oktober geplant. Die aktuellen Tarifverträge laufen zum 31. Oktober aus. Danach sind sofort Warnstreiks möglich, weil in dieser Runde auf eine nachlaufende Friedenspflicht verzichtet wurde.
Die Ausgangslage für die Gespräche ist schwierig, weil sich die Lage in der Metall- und Elektroindustrie gespalten zeigt. Während die Autoindustrie tief in der Krise steckt und der Maschinenbau angeschlagen ist, laufen die Geschäfte in der Elektroindustrie gut. Der sonstige Fahrzeugbau erlebt mit den Staatsausgaben für Rüstung eine Sonderkonjunktur. Auch Betriebe der Medizintechnik sowie der Luft- und Raumfahrt melden nach Angaben der IG Metall eine gute Geschäftslage. «Metall und Elektro ist mehr als Autoindustrie», sagte Benner. Die Lage sei besser, als die Arbeitgeber sie darstellten. Die Forderung biete genug Spielraum, um zu differenzieren.
Die Tarifrunde steht im Zeichen eines massiven Stellenabbaus in der Autoindustrie, wo auch Werksschließungen drohen. Bei Volkswagen, für den ein eigener Haustarifvertrag gilt und der nicht in der Flächentarifrunde verhandelt wird, fordert die IG Metall ebenfalls fünf Prozent mehr Geld bei zwölf Monaten Laufzeit. Mercedes-Benz hat mit der Schließung von zwei Werken in Deutschland gedroht, sollten die Kosten nicht sinken. Zudem hatte Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt angeregt. In tarifgebundenen Unternehmen der deutschen Autoindustrie ist die 35-Stunden-Woche Standard, gesetzlich verpflichtend ist sie nicht.
Die IG-Metall-Tarifvorständin Nadine Boguslawski sagte, die Beschäftigten spürten die steigenden Lebenshaltungskosten, daher brauche es eine spürbare Entgelterhöhung. «Wer Aufschwung will, braucht Kaufkraft», sagte Boguslawski. Das stütze auch die Binnenkonjunktur. Sollten die Arbeitgeber den Manteltarifvertrag kündigen, wäre das aus Sicht der Gewerkschaft eine «Kriegserklärung». Am Montag hatte die IG Metall bei einem bundesweiten Aktionstag rund 175.000 Beschäftigte mobilisiert, um gegen Einschnitte zu protestieren. In der vorherigen Tarifrunde 2024 hatte die Gewerkschaft sieben Prozent mehr Geld gefordert und ein Plus von 5,1 Prozent in zwei Schritten erreicht. Damals war die Lage in den großen Branchen jedoch besser als heute.
17




