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Вторник, 04. Август 2026Deutschland · Europa · Welt
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Politik

Eine Biennale-Erkenntnis macht deutsche Politik erträglicher

Die Kunst-Biennale in Venedig wirft viele Fragen auf. Genau daraus lässt sich eine Lektion ziehen: Wer Politik nicht sofort versteht, muss sie auch nicht sofort verurteilen. Die Debatte um die Rentenreform zeigt, wie nützlich diese Haltung ist.

Eine Biennale-Erkenntnis macht deutsche Politik erträglicher
Biennale in Venedig: Diese Erkenntnis macht deutsche Politik erträglicher
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Die Biennale in Venedig zählt zu den bedeutendsten Kunstausstellungen der Welt. Wer die Schau durchläuft, bekommt Werke zu sehen, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Genau diese Erfahrung des Nichtverstehens kann zu einer Erkenntnis führen, die den Umgang mit deutscher Politik erleichtert: Nicht alles, was sich der sofortigen Deutung entzieht, muss sofort bewertet werden.

Der Besuch der Biennale beginnt in diesem Jahr mit einem Eklat. Dem Direktor der Veranstaltung wurde vorgeworfen, Kreml-nahe Propagandisten eingeladen zu haben, um die russische Kriegstreiberei mit Techno-Beats und Blumenschlachten zu feiern. Die EU-Kommission zog daraufhin die Konsequenzen und strich ihren Millionenzuschuss für die Biennale. Dieser Vorgang sorgte für klare Verhältnisse, anders als manche Kunstbeiträge der Nationen.

Rätselhaft geht es dagegen im deutschen Pavillon zu. Dort hängen Alltagsgegenstände aus der DDR und halbierte Stühle an mintgrünen Wänden. Die Installation trägt den Titel «Ruin». Laut Begleittext überlagern sich in dem Raum physische und soziale Strukturen, deutsche Ideologien und gelebte Biografien; Architektur, Geschichte und Psychologie sollen in ein produktives Spannungsverhältnis treten. Was genau das bedeutet, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Das Projekt wird mit 850.000 Euro Steuergeld von der Bundesregierung gefördert.

Noch mehr Fragen wirft der österreichische Beitrag auf. Die Choreografin Florentina Holzinger zeigt eine Performance, bei der zwei nackte Frauen in Zeitlupe an einer Eisenstange hoch- und herunterklettern. In einem gläsernen Bottich sitzt eine weitere nackte Frau in geklärtem Wasser, das aus einem Dixi-Klo gespeist wird; das Publikum wird aufgefordert, das Klo zu benutzen. Zusätzlich pendelt zu jeder vollen Stunde eine Nackte in einer Glocke kopfüber gegen das Gusseisen, um die Uhrzeit anzuschlagen. In Holzingers Arbeiten treffe extreme Körperlichkeit auf theatralische Präzision, schreiben die Veranstalter – mit dem Ziel, die Grenzen dessen auszuloten, wozu Körper fähig sind.

Auch der niederländische Pavillon lässt das Publikum ratlos zurück. Die Besucher werden eingeschlossen und müssen auf Hockern Platz nehmen. Dann gehen die Rollos herunter. Eine asiatische Künstlerin stolziert durch den Raum und stößt Laute aus, die an einen brünftigen Hirsch erinnern. Zum Abschluss ruft sie immer wieder «Liebt euch selbst!» und «Genießt euer verdammtes Leben!». Als die Rollos wieder hochfahren, ist der Applaus zögerlich – einige im Raum wirken eher wie Leidensgenossen als wie Kunstgenießer.

Was hat zeitgenössische Kunst gewöhnlichen Besuchern zu sagen? Eine schlüssige Antwort bleibt die Schau schuldig. Vielleicht liegt gerade darin ihre Botschaft. In einer Welt, in der vom Regierungschef bis zum Verkäufer an der Ladentheke alle zu allem sofort eine Meinung haben, ist Unverständnis eine seltene und womöglich wertvolle Erfahrung. Wer aushält, etwas nicht auf Anhieb zu begreifen, gerät nicht in Versuchung, vorschnell zu urteilen.

Diese Haltung hilft auch im politischen Alltag. In Berlin wird derzeit die Rentenreform der Bundesregierung von Politikern infrage gestellt, die sie selbst mit ausgehandelt haben. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten der CDU verlangen, die abschlagsfreie Frührente entgegen der dringenden Empfehlung von Experten nicht abzuschaffen. Führende Sozialdemokraten stimmen in den Abbruchchor ein.

Als Motive kommen Opportunismus, Kurzsichtigkeit oder die Angst vor Wählern in Betracht. Viele Bürgerinnen und Bürger haben längst verstanden, dass die Zeiten härter geworden sind, und wären bereit, Einschnitte hinzunehmen, solange sie gerecht verteilt werden. Manche Politiker dagegen tun so, als sei der Steuersäckel ein unerschöpfliches Füllhorn. Ein Gang durch die Biennale könnte sie lehren, dass nicht jede Irritation sofort beseitigt und nicht jede Frage sofort beantwortet werden muss. Auch die Politik verträgt ein wenig Geduld.