Historikerin Martina Heßler über Technik, die Menschen nicht mehr kontrollieren
Die Historikerin Martina Heßler zeichnet im Gespräch den Weg der Technik von der Dampfkraft bis zur Künstlichen Intelligenz nach und fragt, warum Gesellschaften immer wieder Systeme schaffen, deren Folgen sie kaum beherrschen.
Kann der Mensch eine Maschine bauen, die er nicht mehr beherrscht? Diese Frage steht im Zentrum eines Gesprächs mit der Historikerin Martina Heßler. Ausgehend von der Dampfkraft zieht sie eine Linie bis zur Digitalisierung und zur aktuellen Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Ihr Befund: Die Geschichte der Technik ist immer auch eine Geschichte von Kontrollverlust und dem Versuch, ihn wieder einzuhegen.
Der Siegeszug der Technik begann mit Erfindungen, die Arbeit, Mobilität und Produktion grundlegend veränderten. Die Dampfmaschine ermöglichte Fabriken, Eisenbahnen und Schifffahrt in bislang unbekannter Dimension. Mit ihr entstanden jedoch auch neue soziale Konflikte, gesundheitliche Belastungen und Risiken, die die Zeitgenossen zunächst nur schwer einschätzen konnten. Technische Fortschritte wurden gefeiert, ihre Nebenfolgen oft erst im Nachhinein sichtbar. Gerade diese Verzögerung zwischen Einführung und Erkenntnis der Folgen ziehe sich wie ein roter Faden durch die Technikgeschichte.
Heßler verweist darauf, dass sich dieses Muster bis in die Gegenwart fortsetzt. Digitale Systeme und lernende Algorithmen greifen tief in Alltag, Wirtschaft und Verwaltung ein. Bei der Künstlichen Intelligenz stellt sich deshalb die Frage, wer Entscheidungen nachvollziehen und korrigieren kann, wenn Systeme komplexer werden als die Menschen, die sie entwickeln und einsetzen. Die Historikerin plädiert dafür, technische Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten, sondern stets im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entscheidungen und politischen Rahmenbedingungen.
Der Vergleich mit der Atomkraft zeigt, wie schwierig Kontrolle über eine Technologie sein kann, deren Risiken lange unsichtbar bleiben und deren Folgen über Generationen reichen. Auch hier stand am Anfang das Versprechen einer beherrschbaren Zukunft. Die Erfahrung lehrt, dass Beherrschbarkeit nicht allein durch die Konstruktion eines Systems entsteht, sondern durch Regeln, Institutionen und die Bereitschaft, Fehler offen zu benennen. Wer die Entwicklung der Kernenergie betrachtet, erkennt, dass technische Sicherheit und gesellschaftliches Vertrauen eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen.
Für die Gegenwart bedeutet das laut Heßler, dass Technikentwicklung mit Verantwortung verbunden bleiben muss. Die historische Perspektive macht deutlich, dass der Umgang mit Maschinen immer ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess war und ist. Ob der Mensch die Technik, die er geschaffen hat, dauerhaft beherrscht, hängt damit weniger von der Maschine selbst ab als von den Entscheidungen, die Menschen über ihren Einsatz treffen. Das Gespräch fragt deshalb nicht nach dem Ende der Technik, sondern nach den Bedingungen, unter denen sie gestaltbar bleibt.
2




