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Ifo-Chef Fuest warnt vor neuer Euro-Krise und finanzieller Repression

Clemens Fuest erwartet eine Rückkehr der Euro-Krise und eine Phase finanzieller Repression. Der Ökonom sieht die Gefahr einer fortschreitenden Erosion des Vertrauens in die Staatsschulden.

Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, warnt vor einer Verschärfung der Anleihekrise im Euroraum. In einem Interview sagte er, es sei «sehr wahrscheinlich», dass Europa eine Phase finanzieller Repression vor sich habe. Damit bezeichnet man eine Situation, in der Staaten ihre Schulden durch Inflation und niedrige Zinsen auf Kosten der Sparer abbauen.

Fuest erwartet zudem eine Rückkehr der Euro-Krise, allerdings mit einem Unterschied zum letzten Mal. Die Europäische Zentralbank hatte in der Vergangenheit mit Anleihekäufen und niedrigen Zinsen für Stabilität gesorgt. Nun könnten die fiskalischen Spielräume enger sein, während die Verschuldung in vielen Ländern weiter hoch bleibt.

Der Ökonom sieht die Gefahr einer fortschreitenden Erosion des Vertrauens. Wenn Anleger Zweifel an der Rückzahlungsfähigkeit von Staaten bekommen, steigen die Risikoprämien auf Staatsanleihen. Das verteuert die Finanzierung für hoch verschuldete Länder und kann eine Abwärtsspirale in Gang setzen.

Fuest äußerte sich in seiner Funktion als Leiter des Ifo-Instituts, einer der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Deutschland. Seine Einschätzung fällt in eine Zeit, in der die Inflation in vielen europäischen Ländern zwar zurückgeht, die Staatsverschuldung aber weiterhin auf hohem Niveau liegt. Die Zinswende der EZB hat die Finanzierungskosten bereits erhöht.

Eine finanzielle Repression bedeutet, dass der Staat von niedrigen Realzinsen profitiert, während Sparer Kaufkraft verlieren. In der Vergangenheit griffen Regierungen zu solchen Maßnahmen, um Schulden abzubauen, ohne offiziell zahlungsunfähig zu werden. Fuest zufolge könnte eine solche Phase nun bevorstehen, sollte die Inflation nicht nachhaltig sinken.

Die Euro-Krise hatte zwischen 2010 und 2015 mehrere Länder an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht. Damals retteten internationale Hilfspakete und die Ankündigung der EZB, im Notfall unbegrenzt Anleihen zu kaufen, die Währungsunion. Fuest deutet an, dass eine erneute Krise anders verlaufen könnte, weil die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich verändert haben.

Für die Schweiz und Deutschland als stabilitätsorientierte Volkswirtschaften sind die Aussichten von besonderer Bedeutung. Beide Länder profitieren von niedrigen Zinsen, könnten aber durch eine neue Vertrauenskrise im Euroraum in Mitleidenschaft gezogen werden. Exportabhängige Unternehmen spüren bereits jetzt die schwache Konjunktur in wichtigen Absatzmärkten.

Fuest fordert indirekt eine solide Haushaltspolitik und warnt vor übermäßiger Verschuldung. Ohne Vertrauen der Investoren drohen höhere Zinsen und geringere Wachstumsaussichten. Die Europäische Zentralbank steht vor der schwierigen Aufgabe, Inflation zu bekämpfen und gleichzeitig die Finanzstabilität zu wahren.

Ob es tatsächlich zu einer neuen Euro-Krise kommt, hängt von der weiteren Entwicklung der Zinsen, der Inflation und der Haushaltsdisziplin der Mitgliedstaaten ab. Fuest sieht die Risiken jedoch klar auf der Seite einer erneuten Zuspitzung. Seine Warnung dürfte die Debatte über die Zukunft der Währungsunion und die Rolle der Sparer weiter anheizen.

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Christoph Reichert

Autor

Politischer Korrespondent

Christoph Reichert berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

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