Helgoland diskutiert über die Zukunft: Wachstum oder Stillstand?
Auf Helgoland wird erneut über eine mögliche Vergrößerung der Insel durch Sandaufspülung diskutiert. Hotelier Detlev Rickmers warnt vor dem Aussterben der Gemeinde, während Bürgermeister Thorsten Pollmann vor allem auf die marode Hafeninfrastruktur verweist.
Auf der Nordseeinsel Helgoland steht erneut eine richtungsweisende Entscheidung an: Soll die Insel wachsen, indem Hauptinsel und Düne durch eine Sandaufspülung verbunden werden, oder soll sie mit dem Bestehenden in die Zukunft gehen? Diese Frage beschäftigt die mehr als 1.400 ständigen Bewohner des roten Felsens. Ein ähnliches Vorhaben war bereits 2011 in einer Abstimmung gescheitert. Nun könnte der Moment gekommen sein, sich abermals zu entscheiden.
Hotelier Detlev Rickmers sieht die Zukunft der Insel kritisch. Zwar habe sich Helgoland zu einem gefragten Ziel für Ruhe suchende Urlauber entwickelt und die Abhängigkeit von Tagesgästen verringert, doch unter den aktuellen Voraussetzungen drohe ein Niedergang. «Es wird passieren, dass irgendwann die Einwohner weg sind», befürchtet der 65-Jährige, der den Generationswechsel in seinem Unternehmen gemeinsam mit seinen drei Töchtern gestaltet. Als Hauptgrund nennt er die räumliche Begrenztheit der nur einen Quadratkilometer großen Insel. Es gebe keine Entwicklungsmöglichkeiten. Nach seinen Angaben leben nur noch knapp 200 Unter-30-Jährige auf Helgoland. «Wenn nichts passiert, stirbt die Insel langsam aus», warnt er.
Rickmers blickt auch auf verpasste Chancen zurück. Einen entscheidenden Fehler sieht er bei den Helgoländern selbst: 1980 lehnten sie das Hotelprojekt einer Unternehmensgruppe ab. «Das war praktisch ein Entscheid gegen die eigene Zukunft», sagt er. Danach seien Investitionen ausgeblieben und auch das Interesse des Landes habe nachgelassen. Land und Bund wirft er vor, die rechtliche Situation Helgolands nie modernisiert zu haben. Das Helgolandgesetz hätte spätestens 1970 weiterentwickelt werden müssen. «Jetzt fühlt sich keiner mehr zuständig», kritisiert er.
Der Plan zur Inselvergrößerung sieht vor, zwischen Hauptinsel und Düne rund einen Quadratkilometer Land aufzuspülen. Nach Süden soll sich das neue Land zu einem Strand mit flacher Lagune öffnen, die auch Wassersport ermöglichen würde. Rickmers rechnet vor: Wenn Investoren 300.000 Quadratmeter – knapp ein Drittel der neuen Landfläche – zum aktuellen Preis kaufen, könnten die geschätzten Kosten der Aufspülung von bis zu 300 Millionen Euro gedeckt werden. Ein wichtiger Faktor dabei: Die Hafeninfrastruktur und die Küstensicherungsbauwerke sind durchgehend marode und müssen für mehrere Hundert Millionen Euro saniert werden. Durch den Zusammenschluss von Insel und Düne könnten Teile der Molenerneuerungen und die Sanierung des Dünenhafens eingespart werden.
Bürgermeister Thorsten Pollmann argumentiert vor allem mit dem Zustand der Hafenanlagen. Diese seien voraussichtlich in acht bis zehn Jahren so kaputt, dass sie ersetzt werden müssten. Mit Fördergeld dafür könne die Insel wohl nicht rechnen. Selbst wenn sich die Gemeinde das Geld für die Sanierungen leihen dürfte, entstünde kein Mehrwert über die wieder funktionierende Hafenanlage hinaus. Anders bei einer Aufschüttung: Drei von vier Hafenanlagen würden wegfallen, und über den Verkauf von Land käme Geld in die Kasse. «Das ist der Hauptgrund», sagt Pollmann. Weitere positive Effekte wären sinkende Kosten in verschiedenen Bereichen und Verbesserungen im Tourismus, etwa mit weiteren Hotels, sowie neuer Wohnraum.
Die technische Realisierbarkeit sieht der Bürgermeister als gegeben an. Auf Helgoland habe es bereits Aufschüttungen gegeben. «Das geht auf alle Fälle», sagt er. Keine Behörde, mit der die Gemeinde gesprochen habe, habe bisher mit Ablehnung reagiert. «Niemand hat gesagt, völlig verrückt, kommt nicht infrage.» Die Stimmung bei den Insulanern sei überwiegend positiv, so Pollmann. Dennoch gibt es auch Bedenken. Die Entscheidung steht aus, und sie wird weitreichende Folgen für die Zukunft der Insel und ihrer Gemeinschaft haben.




