Erneuter Ansturm auf die spanischen Außengrenzen: Nach Ceuta haben nun auch Hunderte Migranten die Grenze zur zweiten spanischen Nordafrika-Exklave Melilla überwunden. Etwa 400 Menschen seien über zwei Grenzübergänge von Marokko aus auf dem Landweg sowie über einen Damm im Süden der Stadt in das Gebiet gelangt, sagte der Präsident der autonomen Stadt, Juan José Imbroda, am Donnerstagabend dem Radiosender Cope. Die Sicherheitskräfte hätten die Lage unter Kontrolle gehalten. Damit sind innerhalb weniger Tage beide Exklaven an der nordafrikanischen Küste von einem massiven Zustrom betroffen.
In der rund 250 Kilometer westlich gelegenen Exklave Ceuta bleibt die Lage derweil angespannt. Nach Schätzungen aus Polizeikreisen könnten innerhalb weniger Tage mehr als 20.000 Menschen aus Nordafrika, überwiegend schwimmend, nach Ceuta gelangt sein, wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtete. Mindestens 16 Menschen seien bereits tot aus dem Wasser geborgen worden. Die Bilder aus der Grenzstadt zeigen dramatische Szenen: Hunderte Menschen erreichten die Exklave in den vergangenen Tagen schwimmend, auf Fahrzeugen oder auch zu Fuß. Die genaue Zahl der Ankünfte lässt sich nicht unabhängig überprüfen.
In der Nacht auf Freitag übernachteten in Ceuta Hunderte junge Migranten auf den Straßen, wie eine Reporterin der Zeitung «El País» berichtete. Viele von ihnen trügen kaum etwas am Leibe. Im Laufe der Nacht und auch am Freitagmorgen kamen dem Bericht zufolge weiter Hunderte Menschen über die Grenze. Zuvor waren offenbar Gerüchte über eine Öffnung der Grenze aufgekommen, wie die Nachrichtenagentur AFP aus Sicherheitskreisen erfuhr. Vom benachbarten Marokko aus strömten Fahrzeuge voller junger Menschen auf der Straße nach Ceuta, etwa 15 Kilometer von der marokkanischen Stadt Fnideq entfernt. Andere waren in Gruppen zu Fuß unterwegs. Mehrere Menschen gaben gegenüber AFP Ceuta als ihr Ziel an.
Die Zentralregierung in Madrid ordnete Medienberichten zufolge den Einsatz von in Ceuta stationierten Armee-Einheiten zur Unterstützung der Grenzbeamten an. Der Einsatzbefehl erfolgte, nachdem die Zahl der Ankünfte innerhalb weniger Tage in die Tausende gestiegen war. Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste am Freitag in das Gebiet. Die Behörden vor Ort gelten angesichts der großen Zahl von Ankommenden als überfordert; einen Notstand will die Regierung in Madrid dennoch nicht ausrufen.
Die Ereignisse wecken Erinnerungen an den Mai 2021, als innerhalb von 36 Stunden mehr als 8.000 Menschen von Marokko aus in die Exklave Ceuta gestürmt waren. Damals wie heute stehen die beiden Städte an der nordafrikanischen Küste im Zentrum eines Streits zwischen Spanien und Marokko. Marokko erlangte 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien, doch Ceuta und Melilla blieben unter spanischer Hoheit und gehören seither zur Europäischen Union. Beide Exklaven werden von Marokko bis heute beansprucht. In der Nähe der Grenzanlagen warten oft Tausende Menschen, vorwiegend aus Ländern südlich der Sahara, auf eine Gelegenheit, in das EU-Gebiet zu gelangen. Für viele von ihnen bedeutet das Erreichen der Exklaven den ersten Schritt in die Europäische Union.
