Rund 16.000 Hitzetote in Deutschland in diesem Sommer
Schätzungen des Robert Koch-Instituts zufolge sind in Deutschland in diesem Jahr mindestens 16.300 Menschen hitzebedingt gestorben. Experten erklären, warum die Dunkelziffer höher liegen könnte und welche Maßnahmen gegen die tödliche Hitze ergriffen werden müssten.
Die Hitzewellen des Sommers haben in Deutschland nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) mindestens 16.300 Menschen das Leben gekostet. Besonders die Rekordhitze Ende Juni sowie die anhaltend hohen Temperaturen zwischen Ende Juli und Mitte August führten zu einer erhöhten Sterblichkeit. In den meisten Fällen war nicht die Hitze allein die Todesursache, sondern das Zusammenspiel von Vorerkrankungen und extremer Wärmebelastung.
Das RKI stützt seine Berechnungen auf Daten des Statistischen Bundesamtes und von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes. Die Behörde spricht ausdrücklich von einer konservativen Schätzung, die tatsächliche Zahl der Todesfälle könnte also deutlich höher liegen. Allein in der Woche vom 22. bis zum 28. Juni, als vielerorts nie zuvor gemessene Höchstwerte erreicht wurden, starben demnach rund 9.600 Menschen hitzebedingt. Weitere 4.500 Todesfälle gehen auf die Hitzeperiode von Ende Juli bis Mitte August zurück.
Fachleute weisen darauf hin, dass die offiziellen Zahlen die Realität nur unvollständig abbilden. Alexandra Schneider, Expertin für Umweltrisiken am Helmholtz Zentrum München, kritisiert die methodische Schwelle des RKI, das seine wöchentlichen Auswertungen erst ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius veröffentlicht. „Menschen sterben nicht erst oberhalb einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad Celsius an Hitze“, sagt sie. Bereits darunter bestünden erhöhte Risiken für ältere Menschen, Pflegebedürftige sowie Personen mit Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen und Demenz. Zudem würden Extremereignisse durch die Berechnung von Wochenmittelwerten geglättet: Eine Woche mit zwei bis drei Tagen nahe 40 Grad und vier moderateren Tagen könne dieselbe Wochenmitteltemperatur aufweisen wie eine deutlich weniger belastende Wetterlage. Kurze, extreme Hitzeepisoden würden daher in konservativen Modellen eher unterschätzt.
Ein weiteres Problem benennt der Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis von der Universität Freiburg: Hitze stehe so gut wie nie als Todesursache im Totenschein. Die Fachleute müssten deshalb im Nachhinein vergleichen, wie viele Menschen in einer Hitzephase tatsächlich gestorben sind und wie viele es in einem normalen Sommer gewesen wären. Die dafür nötigen Sterbedaten trudelten erst mit mehreren Wochen Verzögerung vollständig ein. Ob viele Menschen nur wenig früher gestorben sind als ohnehin zu erwarten gewesen wäre, lasse sich derzeit noch nicht abschätzen, erklärt Martin Röösli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Gewisse Indizien werde man im Herbst erhalten, wenn möglicherweise eine Untersterblichkeit beobachtet werde. Wissenschaftlicher Konsens sei jedoch, dass ein Teil der Betroffenen noch lange hätte leben können.
Besonders betroffen waren hochbetagte Menschen. Nach der RKI-Schätzung starben 8.200 Menschen im Alter von mindestens 85 Jahren, weitere 4.040 Todesfälle betrafen die Gruppe der 75- bis 84-Jährigen. 2.550 der Gestorbenen waren zwischen 65 und 74 Jahre alt, 1.520 unter 65. Wolfgang Straff, Mediziner am Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau, verweist auf die demografische Dimension des Problems: „Nahezu alle heute noch lebenden Menschen und zukünftige Generationen werden spätestens im Alter zu den besonders gefährdeten Risikogruppen gehören.“ Mit der eskalierenden Klimakrise würden Hitzewellen häufiger und intensiver.
Als wirksamste Gegenmittel gelten eine entsiegelte und begrünte Stadtplanung. „Langfristig führt kein Weg an mehr Grün und Schatten in den Städten sowie weniger versiegelten Flächen vorbei, denn das sind die wirksamsten Mittel gegen nächtliche Überwärmung, die für die Gesundheit besonders kritisch ist“, betont Matzarakis. Straff hält die Begrenzung der Erderwärmung für die wichtigste Maßnahme überhaupt. Hitzeschutzmaßnahmen seien hilfreich und sollten optimiert werden, könnten aber keinen dauerhaften Schutz bieten, wenn die Hitzeextremsituationen weiter zunähmen. Zugleich kritisiert er die verteilten Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen. „Benötigt wird hier tatsächlich eine gesetzliche Vorgabe, die erforderliche Maßnahmen auf eine solide rechtliche Grundlage stellt und für alle verlässlich regelt.“ Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat angekündigt, sich für eine Verankerung von Hitzeschutz und Klimaanpassung im Grundgesetz einzusetzen. Aus der Union kam zu diesem Vorstoß jedoch teils Kritik.




