Die Europäische Kommission hat eine Rekordstrafe von 550 Millionen Euro gegen den chinesischen Online-Marktplatz AliExpress verhängt. Die Behörde wirft dem zur Alibaba-Gruppe gehörenden Unternehmen vor, nicht ausreichend gegen den Verkauf illegaler Produkte auf seiner Plattform vorgegangen zu sein. Peking reagierte umgehend mit scharfer Kritik und kündigte Gegenmaßnahmen an.
Das chinesische Handelsministerium teilte mit, man äußere „starke Unzufriedenheit und ernste Besorgnis“ über die Entscheidung der EU. Peking lehne es entschieden ab, dass die EU unter Berufung auf die Plattformregulierung digitale Barrieren errichte. Die Maßnahmen seien diskriminierend und schränkten chinesische E-Commerce-Unternehmen in ihrem normalen Geschäftsbetrieb in Europa ein, hieß es aus dem Ministerium. China werde seine Unternehmen dabei unterstützen, ihre Rechte zu verteidigen, und wirksame Maßnahmen ergreifen, um deren Interessen zu schützen.
Die EU-Kommission begründete die Strafe mit schwerwiegenden Verstößen gegen die Verbraucherschutzvorschriften. Nach Angaben der Brüsseler Behörde wurden auf AliExpress über Wochen hinweg gefälschte Kleidung, unsicheres Spielzeug und gefährliche Kosmetika angeboten, ohne dass die Plattformbetreiber eingeschritten wären. Die Kommission stellte fest, dass das Unternehmen nicht genug unternommen habe, um Verbraucher in der Europäischen Union vor illegalen Produkten zu schützen.
Besonders problematisch sei aus Sicht der EU-Kommission gewesen, dass Händler, die eigentlich für den Verkauf illegaler Waren bestraft werden sollten, ihr Geschäft oft ungehindert fortsetzen konnten. Die Sanktionsmechanismen von AliExpress hätten nicht gegriffen, sodass gefährliche Produkte weiterhin verfügbar blieben. Dies stelle einen systematischen Verstoß gegen die EU-Regeln für digitale Dienste dar.
Der Fall AliExpress ist der bislang höchste Bußgeldbescheid, den die EU-Kommission gegen eine große Online-Plattform verhängt hat. Er fällt unter den Digital Services Act, der seit 2024 in voller Anwendung ist und Plattformen zu mehr Sorgfaltspflichten verpflichtet. Die Kommission hatte bereits in den vergangenen Jahren Ermittlungen gegen mehrere große Technologiekonzerne eingeleitet, darunter auch gegen andere chinesische Plattformen.
Die chinesische Regierung sieht in der Strafe einen gezielten Angriff auf ihre Digitalwirtschaft. Peking argumentiert, dass die EU mit solchen Maßnahmen protektionistische Tendenzen verstärke und den freien Handel behindere. Das Handelsministerium kündigte an, chinesische Unternehmen juristisch zu unterstützen und notfalls eigene handelspolitische Schritte zu prüfen. Beobachter rechnen mit einer weiteren Verschärfung der Spannungen zwischen Brüssel und Peking im Bereich der Digitalregulierung.
AliExpress selbst hat sich bislang nicht offiziell zu der Strafe geäußert. Das Unternehmen betreibt eine der größten Online-Handelsplattformen weltweit und vermittelt vor allem Waren chinesischer Hersteller an Kunden in Europa und anderen Regionen. Die Plattform ist besonders bei preisbewussten Verbrauchern beliebt, steht aber immer wieder in der Kritik wegen mangelnder Kontrollen bei der Produktsicherheit.
Die EU-Kommission betonte, dass die Höhe der Strafe die Schwere der Verstöße widerspiegele. AliExpress habe wiederholt gegen die Pflichten verstoßen, illegale Inhalte zu entfernen und wirksame Maßnahmen gegen betrügerische Händler zu ergreifen. Die Behörde forderte das Unternehmen auf, seine Kontrollsysteme grundlegend zu reformieren. Sollte AliExpress die Auflagen nicht erfüllen, drohen weitere Sanktionen.
Der Fall zeigt die wachsende regulatorische Kluft zwischen der EU und China im digitalen Sektor. Während Brüssel auf strenge Verbraucherschutzstandards und Transparenzpflichten setzt, pocht Peking auf den Schutz seiner Unternehmen vor ausländischen Regulierungen. Experten warnen vor einer Eskalation, die letztlich beiden Seiten schaden könnte – den europäischen Verbrauchern durch eingeschränkte Produktauswahl und den chinesischen Exporteuren durch erschwerten Marktzugang.
