Die spanische Exklave Ceuta hat sich nach dem Ansturm Zehntausender Migranten weitgehend beruhigt. Fast alle Menschen, die in den vergangenen Tagen übers Meer oder über den Grenzzaun in die nordafrikanische Stadt gelangt waren, sind nach Angaben der spanischen Regierung nach Marokko zurückgekehrt. Außenminister José Manuel Albares zufolge handelt es sich um nahezu alle der mindestens 50.000 Menschen, die Ceuta erreicht hatten.
Viele Migranten traten der Zeitung «El País» zufolge enttäuscht und freiwillig den Rückweg an, weil sie kaum Aussichten auf eine Weiterreise sowie fehlende Unterkunft und Versorgung hatten. Damit entspannt sich die Lage in der Exklave, die weniger als 85.000 Einwohner zählt und mit einer Fläche von 18,5 Quadratkilometern etwas kleiner ist als der Frankfurter Flughafen.
Dennoch bleibt die Krise nicht ohne Opfer. Die Zahl der Toten stieg auf mindestens 67. Einsatzkräfte suchten auch am Vormittag weiter das Meer ab. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Europa Press beruht die Zahl auf der lokalen Vertretung des spanischen Innenministeriums. Viele Menschen waren beim Überqueren der Grenze übers Meer ums Leben gekommen.
In der Europäischen Union beginnt unterdessen die Aufarbeitung des Schocks. Für heute ist eine Krisensitzung von Experten der EU-Mitgliedstaaten anberaumt, wie ein Sprecher der irischen Ratspräsidentschaft mitteilte. Solche Treffen sollen bei der Koordinierung politischer Entscheidungen helfen; auch Vertreter der EU-Institutionen nehmen teil. Dabei soll es um die Ankünfte der vergangenen Tage, die Rückkehr der Menschen nach Marokko, die Unterstützung für Spanien und die diplomatischen Bemühungen mit Marokko gehen. Eine öffentliche Unterrichtung nach den Gesprächen wird nicht erwartet. Am Montag wollen die Botschafter der EU-Staaten die Entwicklung bewerten und die weitere Koordinierung erleichtern.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte nach einem Telefonat mit Spaniens Außenminister Albares: «Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.» Zugleich versuchten Medienberichten zufolge am Freitagabend Hunderte Menschen, in die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla zu gelangen. Spanische Soldaten verhinderten den Zugang vom Meer zum Strand. In den Tagen zuvor hatten sich viele Menschen schwimmend Zugang zu Ceuta verschafft.
In Melilla kontrollierten in der Nacht zahlreiche Streifenwagen der Guardia Civil den Grenzverlauf. Wie viele Menschen versuchten, den Grenzzaun zu überqueren oder in die Stadt zu gelangen, blieb unbekannt. Ein Reporter des staatlichen Fernsehsenders RTVE sprach von «mehreren Versuchen». Am Abend war es an der Grenze zwischen Marokko und Melilla zu Auseinandersetzungen gekommen: Mehrere Menschen hätten Steine auf die Sicherheitskräfte geschleudert, während diese Tränengas eingesetzt hätten.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez wies Kritik einiger EU-Mitgliedstaaten an der spanischen Migrationspolitik zurück. Er rief dazu auf, an einem starken und geeinten Europa weiterzubauen und Europa nicht zu spalten. «Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig», schrieb er auf der Plattform X. Die Achtung der europäischen Verträge sei es jedoch nicht.
Italien hat nach Angaben der Regierung in Rom das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU gegenüber Spanien vorübergehend ausgesetzt. Bei Reisen mit dem Flugzeug oder Schiff sollen wieder Grenzkontrollen durchgeführt werden. Der Schengen-Raum umfasst insgesamt 29 Länder, darunter EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich sowie Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein. Ceuta und Melilla gehören nicht zum Schengen-Raum. Ein dauerhafter Ausschluss eines Landes gegen dessen Willen ist in den EU-Regeln nicht vorgesehen.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekundete Solidarität mit Spanien, ließ aber zugleich die Kontrollen an der gemeinsamen Grenze verstärken. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte die spanische Regierung auf, die Lage schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. «Der Schutz der Außengrenzen der Europäischen Union ist entscheidend für die Bekämpfung illegaler Migration», betonte der CDU-Politiker.
In der Nacht auf Freitag hatten Tausende Migranten in Ceuta auf den Straßen übernachtet. Seitdem hat sich die Lage spürbar entspannt. Zugleich gehen die Suche nach Vermissten im Meer und die politische Aufarbeitung der Massenankunft in der EU und in Spanien weiter.
