Die Bundesregierung will die Regeln für Krankschreibungen deutlich verschärfen und stößt damit auf heftigen Widerstand. Der Hausärzteverband bezeichnet die geplanten Änderungen als „absolut katastrophal“. Vorgesehen ist, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und Arbeitnehmer zu verpflichten, bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung vorzulegen. Bislang reicht eine Vorlage ab dem vierten Tag.
Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, auf die Praxen komme eine „riesige Bürokratiewelle“ zu, die kaum zu bewältigen sei. Die Koalition mache sich mit diesen „vollkommen faktenfreien Beschlüssen“ nicht nur unglaubwürdig, sondern nehme auch die „komplette Überlastung unserer Praxen“ billigend in Kauf. Alle Statistiken und Untersuchungen belegten „zweifelsfrei“, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankschreibungen geführt habe. Es handele sich um einen statistischen Effekt, weil durch die elektronische Erfassung mehr Krankschreibungen in der Statistik auftauchten. Die Krankschreibungspflicht ab Tag eins werde dazu führen, dass Millionen zusätzliche Menschen in die Arztpraxen kommen müssten, nur um sich eine Krankschreibung abzuholen – „ohne dass das medizinisch irgendeinen Sinn ergibt“.
Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) reagierte empört. Die Vorstände Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner teilten mit, die Vorhaben seien ein „unverhohlenes Misstrauen“ gegenüber den Bürgern. Sie führten zu übervollen Praxen, einem Wust an zusätzlicher Bürokratie und einem enormen Zeitaufwand, der zulasten der eigentlichen Patientenversorgung gehe. Es grenze an Irrsinn, „Abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln“. Wer krank sei, gehöre ins Bett und nicht in eine übervolle Praxis.
Die Grünen im Bundestag übten ebenfalls scharfe Kritik. Der gesundheitspolitische Sprecher Janosch Dahmen sagte, die Koalition mache ausgerechnet das Gegenteil dessen, was das Gesundheitswesen jetzt brauche. Statt Hausarztpraxen zu entlasten und Patienten besser zu steuern, schaffe sie Millionen zusätzlicher Arztkontakte für reine Bescheinigungen. Die Beschlüsse bedeuteten mehr Bürokratie, längere Wartezeiten und weniger Zeit für Menschen, die ärztliche Hilfe wirklich benötigten. Die Fraktionschefin der Grünen, Katharina Dröge, sprach von einer „unsinnigen Maßnahme“ und einer „Unverschämtheit“. Mit dem Vorhaben spreche die schwarz-rote Koalition den Beschäftigten das „Misstrauen“ aus.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält die Vorhaben für „kontraproduktiv“. DGB-Chefin Yasmin Fahimi kündigte an, die Auswirkungen für Beschäftigte und Arztpraxen genau im Blick zu behalten. Der Arbeitgeberverband BDA hingegen lobte die Bundesregierung für einen „überfälligen Kurswechsel“. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte, die Regierung reagiere damit auf den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonte, Betriebe könnten einzel- oder tarifvertraglich sowie in Betriebsvereinbarungen von den neuen Regeln abweichen.
Die Beschlüsse des Koalitionsausschusses sehen vor, dass die verpflichtende Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Tag der Erkrankung gilt. Bisher ist eine ärztliche Bescheinigung erst ab dem vierten Tag vorgeschrieben. Die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung soll abgeschafft werden. Die Kritiker warnen vor einer Überlastung der Praxen und einer unnötigen Bürokratisierung, während die Befürworter auf eine Senkung des Krankenstandes hoffen. Die Debatte zeigt die tiefe Kluft zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Arbeitgeber und den gesundheitspolitischen sowie praktischen Bedenken der Ärzteschaft und der Opposition.
