Militärexperte Reisner warnt vor russischer Winteroffensive und Patriot-Mangel
Der österreichische Oberst Markus Reisner sieht die Ukraine bei der Flugabwehr entscheidend geschwächt. Russland rüstet für massive Luftangriffe im Winter und verstärkt die hybride Kriegsführung gegen Europa.
Der österreichische Militärexperte Oberst Markus Reisner warnt vor einer entscheidenden Schwäche der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland. Die Ukraine verfüge nicht über ausreichend Patriot-Abwehrraketen, um sich gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper wirksam zu schützen. «Das ist die Achillesferse, die Putin erkennt», sagte Reisner der österreichischen Nachrichtenagentur APA.
Nach Einschätzung des Obersten des österreichischen Bundesheeres hat sich Russland darauf eingestellt, die Ukraine im kommenden Winter mit massiven Luftangriffen unter Druck zu setzen. Kremlchef Wladimir Putin sei «zutiefst überzeugt, die Ukraine im Winter endgültig in die Knie zu zwingen». Trotz der Vermittlungsbemühungen der USA sehe er «keinerlei Entgegenkommen von russischer Seite». Stattdessen sei eine Eskalation der Luftkriegsführung gegen die Ukraine und der hybriden Kriegsführung gegen Europa zu beobachten.
Als Beleg für die verschärfte Lage nannte Reisner die Nacht auf Dienstag, in der die Ukraine nur etwa die Hälfte der rund 60 russischen Raketen habe abschießen können. Nach dem Besuch des CIA-Direktors John Ratcliffe Ende August habe Russland seine Luftangriffe auf die Ukraine massiv verstärkt. «Das ist eigentlich die Antwort Putins auf die Initiative der USA gewesen», so Reisner. Auch die russischen Angriffe auf Flughäfen in der Umgebung von Kiew führte er als Beispiel an.
An der Front erwartet Reisner dagegen zunächst keine großen militärischen Veränderungen. Die Lage sei «mehr oder weniger nahezu erstarrt». Auf der «taktisch-operativen Ebene» seien deshalb «keine großen Veränderungen zu erwarten». Eine Ausnahme könne es geben, falls nach der Duma-Wahl zusätzliche russische Kräfte mobilisiert würden.
Anders bewertet der Experte die strategische Ebene. Russland nehme Tankstellen und die Energieversorgung der Ukraine ins Visier. «Das ist der Punkt, wo Putin ansetzt, und Putin glaubt, dass er jetzt diesen Winter nützen kann, um die Ukraine quasi in die Knie zu zwingen.»
Bei der ukrainischen Flugabwehr sieht Reisner die größte Lücke. Patriot-Abwehrraketen seien «das entscheidende Mittel, um sich gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper zur Wehr setzen zu können». Die USA hätten im Krieg gegen den Iran «rund zwei Drittel ihres Arsenals an Patriot-Raketen aufgebraucht». Zugleich könnten die USA noch etwas liefern, beziehungsweise gebe es auch einige Staaten, die einen Bestand hätten.
Dass europäische Staaten die Produktion von Flugabwehrsystemen nicht deutlich steigern konnten, bezeichnete Reisner als «absolute Niederlage». Die USA würden zugleich «hier mit zweierlei Maß agieren». Einerseits unterstützten sie die Ukraine mit Aufklärungsdaten für Langstreckenangriffe, andererseits verweigerten sie Patriot-Raketen, «um den Russen Druckmöglichkeiten zu geben».
Die Aussicht auf eine ukrainische Lizenzproduktion von Patriot-Raketen bewertet Reisner grundsätzlich positiv. Die Produktion könne allerdings erst im Frühjahr oder Sommer beginnen. «Das ist jetzt das Entscheidende: Was passiert bis dorthin? Würden die USA es jetzt wirklich ernst meinen, dann würden sie den Ukrainern auch zugestehen, über die nächsten Monate eine gewisse Stückzahl an Raketen zu haben, damit sie diese Lücke überstehen können.» Die von Präsident Wolodymyr Selenskyj geforderten 300 Raketen seien «sehr realistisch».
Russland hat unterdessen seine Produktion von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen weiter gesteigert. «Im Vorjahr betrug die Produktionsrate circa 130 bis 150 Stück, und jetzt haben wir bereits eine Produktionsrate von 200 Stück», sagte Reisner. Hinzu kämen nordkoreanische Raketen, etwa vom Typ KN-23.
Auch bei Drohnen sieht Reisner eine für die Ukraine problematische Entwicklung. Die bislang eingesetzten Geran-2-Drohnen seien wegen ihrer vergleichsweise geringen Geschwindigkeit leichter abzuschießen gewesen. Neuere Modelle wie die Geran-5 könnten dagegen bis zu 600 Kilometer pro Stunde erreichen. «Das macht es wieder extrem schwierig für die Ukraine.»
Zudem seien auf Satellitenaufnahmen in den besetzten ukrainischen Gebieten sowie in russischen Grenzregionen zahlreiche neue Drohnenabschussbasen zu erkennen. Diese würden «massiv» ausgebaut, «im Prinzip in Vorbereitung auf die Winteroffensive». Reisner sagte: «Aufgrund dieser Abschussrampen kann man davon ausgehen, dass die Russen damit die Luftkriegsführung in den nächsten Monaten noch massiv steigern werden.»
Parallel dazu erwartet Reisner weitere hybride Angriffe auf Europa. Russland werde versuchen, den Winter zu nutzen, um die kritische Infrastruktur der Ukraine zu treffen und gleichzeitig die Bevölkerung in Europa zu verunsichern. Damit solle der Druck auf die Regierungen steigen, Produktionen zur Unterstützung der Ukraine einzustellen.
Reisner rechnet zudem mit einer Zunahme von Sabotagefällen. Er verwies unter anderem auf sprengstoffbeladene Pakete aus dem Jahr 2024 sowie den Versuch, drei deutsche Marineschiffe unbrauchbar zu machen. Auch begrenzte russische Angriffe auf das Baltikum seien «durchaus vorstellbar». Europa müsse sich nach Ansicht des Militärexperten auf weitere Eskalationen vorbereiten.




