Nato testet Drohnen-Netzwerk in Wiesbaden gegen russische Bedrohung
Die Nato baut in Wiesbaden-Erbenheim ein Innovationslabor auf, in dem zehn Mitgliedstaaten die Vernetzung von Drohnen, Bodensensoren und Radaren für die Abschreckung an der Ostflanke testen. Das System soll Angriffe in Sekundenschnelle erkennen und Reaktionen ermöglichen.
Die Nato verstärkt angesichts wachsender Angst vor russischen Drohnenangriffen ihre technologische Verteidigungsfähigkeit an der Ostflanke. Auf dem US-Militärflugplatz in Wiesbaden-Erbenheim arbeitet ein internationales Team aus Offizieren, Programmierern und Ingenieuren an einem vernetzten System aus Drohnen, Bodensensoren, Radaren und KI-gestützten Werkzeugen. Das Projekt ist Teil der «Eastern Flank Deterrence Initiative» (EFDI), mit der ein möglicher Vormarsch gegnerischer Kräfte bereits mit Hightech aufgehalten werden soll, bevor Bodentruppen überhaupt zum Einsatz kommen.
Im Zentrum der Arbeit steht das «Wiesbaden Integration and Innovation Lab» in den Lucius D. Clay Barracks. Nach Angaben von Major Ben Schiff sind derzeit zehn Nato-Staaten beteiligt, und die Teilnahme wächst schnell. Das Labor konzentriert sich nicht nur auf Drohnen, sondern auf verschiedene Fähigkeiten für die EFDI. «Wenn wir neue Technologien, die in der Allianz entwickelt werden, nicht schnell integrieren können, werden wir von unseren Gegnern überholt», warnt Schiff. Die Erfahrungen aus dem seit viereinhalb Jahren andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigten, dass nicht nur die technische Qualität von Drohnen entscheidend sei, sondern vor allem ihre Kommunikation untereinander.
Das in Erbenheim entstehende digitale Netzwerk soll nach Schiffs Worten ermöglichen, «dass Sensordaten mit Maschinen-Geschwindigkeit an jeden in der Allianz fließen, der sie benötigt». In dem Innovationslabor liegen Drohnen und einzelne Fluggeräteteile auf Tischen. Ersatz- und neue Drohnenteile für Experimente werden mit 3D-Druckern hergestellt, um schnelles Testen, Anpassen und Warten bei reduziertem logistischem Aufwand zu ermöglichen. Allerdings können nicht alle Teile im 3D-Drucker entstehen. Bei manchen sei es zwar möglich, «aber es wäre sinnvoller, sie bei der Herstellung in großen Stückzahlen spritzgegossen zu produzieren», erläutert Schiff. «Die richtige Kombination zu haben ist das, was Masseneinsatz ermöglicht.»
Während sogenannter Integrationstests steuern Experten von Wiesbaden aus zeitweise sogar Drohnen über dem fernen Baltikum, um in Echtzeit Erfahrungen zu sammeln. Ziel des EFDI-Konzepts ist laut Schiff, «autonome Systeme und verteilte Steuerung zu ermöglichen, die nicht von einem einzigen zentralen Kontrollzentrum abhängen». Die Steuerung könne von jedem funktionierenden Kontrollzentrum aus erfolgen, das eine Verbindung hat. Letztlich solle das Einsatzkonzept ermöglichen, «Daten von Millionen von Sensoren in Maschinengeschwindigkeit auszuwerten, um einen russischen Einmarsch zu erkennen und eine schnelle Reaktion der Nato zu ermöglichen». Das Bündnis könne «innerhalb von Sekunden reagieren».
Der US-Offizier betont, dass Künstliche Intelligenz dabei nur dazu diene, Entscheidungsprozesse «zu beschleunigen, indem sie hilft, große Datenmengen zu verarbeiten». Alle «Zielentscheidungen» würden jedoch von Menschen getroffen. Die jüngsten Vorfälle unterstreichen die Dringlichkeit: Erstmals haben Eurofighter eine Drohne über Litauen abgeschossen, und im August kam es zu einem Anschlagsversuch mit einer Sprengdrohne am Flughafen Leipzig/Halle. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Drohnen vor wenigen Monaten als «die technologische Grundlage der modernen Kriegsführung» bezeichnet.
Der Flugplatz Erbenheim blickt auf eine fast hundertjährige Luftfahrtgeschichte zurück. 1929 wurde hier eine Pferderennbahn zugunsten des «Flughafens Wiesbaden-Mainz» aufgegeben. Die Luftwaffe der Nazis nutzte den Airport im Zweiten Weltkrieg als Jagd- und Bomberbasis. 1948/1949 war der Standort einer der Start- und Landeplätze für die Berliner Luftbrücke mit den sogenannten Rosinenbombern. Heute markieren hochmoderne Aufklärungsdrohnen den vorläufigen Schlusspunkt dieser Entwicklung.




