Russland hat in der Nacht erneut massive Luftangriffe auf mehrere ukrainische Städte geflogen. Besonders schwer getroffen wurde die Hauptstadt Kiew, wo nach Behördenangaben mindestens zehn Menschen ums Leben kamen und 46 weitere verletzt wurden. Mehrstöckige Gebäude, darunter ein Hotel, gerieten in Brand, mehrere Wohnhäuser wurden vollständig zerstört. Die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform und das Portal „The Kyiv Independent“ berichteten übereinstimmend von einer der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn. Die Angreifer setzten demnach Dutzende Raketen und Marschflugkörper ein.
Viele Bewohner Kiews suchten in U-Bahn-Stationen Schutz. Dort schlugen sie Zelte auf, um die Nacht vor den Luftangriffen geschützt unter der Erde zu verbringen. Nach ersten Einschlägen am Abend wurde am frühen Morgen erneut Luftalarm ausgelöst. Reporter des „Kyiv Independent“ berichteten von „unglaublich lauten Explosionen“, die selbst in tief gelegenen Luftschutzbunkern deutlich zu hören gewesen seien. Knapp ein Dutzend russische Bomber befanden sich in der Luft.
Auch in anderen Städten der Ukraine gab es Luftalarm und Explosionen. Betroffen waren unter anderem Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie Sumy und Charkiw im Nordosten des Landes. Der Gouverneur von Saporischschja, Iwan Fedorow, meldete drei Verletzte. Weitere Angaben zu Schäden und Opfern in den anderen Städten lagen zunächst nicht vor. Das genaue Ausmaß der Zerstörung war zunächst unüberschaubar, die ersten Meldungen ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Mittwoch vor einem bevorstehenden Großangriff gewarnt. „Alle ein bis zwei Wochen gibt es massive Attacken mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen – und heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs“, sagte er am Rande einer Zeremonie zum Wechsel der EU-Ratspräsidentschaft in Dublin. Er kündigte an, direkt nach der Pressekonferenz in die Ukraine zurückzukehren, und rief seine Landsleute auf, Alarmsignale zu beachten und Schutzräume aufzusuchen.
Abseits der täglichen Luftangriffe haben die ukrainischen Verteidiger nach Einschätzung von US-Kriegsexperten zuletzt bemerkenswerte Erfolge erzielt und die Verluste der russischen Seite stark in die Höhe getrieben. Einem Lagebericht des in Washington ansässigen Center for Strategic and International Studies (CSIS) zufolge machen den Russen neben ihrer stockenden Bodenoffensive vor allem die steigenden Gefallenen- und Verletztenzahlen zu schaffen. Insgesamt seien seit Kriegsbeginn im Februar 2022 rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst gemeldet worden – allein 1,4 Millionen davon auf russischer Seite.
Während das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten die meiste Zeit bei zwei zu eins oder drei zu eins gelegen habe, sei es im ersten Halbjahr 2026 schätzungsweise auf acht zu eins gestiegen. Hauptgrund dafür sei der verstärkte und äußerst wirkungsvolle Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite seien es 125.000 bis 150.000. Ende Januar hatte die Bilanz noch bei etwa 325.000 getöteten Russen und 100.000 bis 140.000 Ukrainern gestanden. Inzwischen übersteige die monatliche Zahl der russischen Verluste auch die der Neurekrutierungen.
Das CSIS stützt sich bei den Zahlen nach eigenen Angaben auf Informationen des Militärs, der Geheimdienste und Regierungen verschiedener Länder. Die Angaben der Denkfabrik gelten als vergleichsweise zuverlässig, sind angesichts der schwer durchschaubaren Quellenlage und gezielten Desinformation beider Kriegsparteien jedoch mit Vorsicht zu genießen. Beide Seiten legen nur selten eigene Opferzahlen offen. Es gilt als sicher, dass sowohl Russlands Führung als auch die der Ukraine eigene Verluste herunterspielen und jene des Gegners aufbauschen.
Neben den gestiegenen Opferzahlen sieht sich Russlands Militär laut CSIS-Lagebericht auch mit anderen Rückschlägen konfrontiert. So hätten die Angreifer das von ihnen kontrollierte Gebiet in der Ukraine im Frühling 2026 erstmals seit Jahren nicht mehr vergrößern können und dazu einzelne Geländegewinne der Ukrainer hinnehmen müssen. Auch seien ihre Vorstöße an der mehr als tausend Kilometer langen Front langsamer geworden. Historisch betrachtet sei die Kampfbilanz der Russen im Ukraine-Krieg verglichen mit der anderer militärischer Großmächte nach dem Zweiten Weltkrieg miserabel.
