Russland rüstet Kamikazedrohnen auf – Ukraine fehlen Patriot-Raketen
Russland hat seine Kamikazedrohnen vom Typ Geran-5 mit Düsentriebwerken ausgestattet und macht sie damit deutlich schneller. Die Ukraine kann sich gegen ballistische Raketen kaum noch schützen, weil Patriot-Raketen fehlen. Kiew setzt auf das eigene Flugabwehrsystem Freyja, das aber erst 2026 einsatzbereit sein soll.
Russland hat seine Kamikazedrohnen technisch entscheidend weiterentwickelt und verschärft damit den Druck auf die ukrainische Luftverteidigung. Die jüngste Version der Waffe, die auf der iranischen Shahed-Drohne basiert, trägt den Namen Geran-5. Sie wird nicht mehr von Propellern, sondern von Düsentriebwerken angetrieben und erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 600 Stundenkilometern. Für ukrainische Abfangdrohnen ist das häufig zu schnell, auch wenn die Hersteller ihre Modelle ständig verbessern.
Die ersten Geran-5 kamen bereits Anfang des Jahres zum Einsatz. Inzwischen gehört der Klang ihres Jet-Antriebs für viele Ukrainer zum Alltag. Die größte Bedrohung bleiben jedoch Russlands ballistische Raketen wie die Iskander-M sowie Marschflugkörper vom Typ Kinschal und Zirkon. Gegen sie helfen in der Regel nur Patriot-Flugabwehrraketen – und davon hat die Ukraine nach Einschätzung von Beobachtern kaum noch Bestände, auch wenn Kiew die genauen Zahlen geheim hält.
Wie dramatisch die Lage ist, zeigt ein Vorschlag, der beim Treffen der EU-Verteidigungsminister in Brüssel diskutiert werden sollte: Um die Ukraine schneller mit Patriot-Raketen zu versorgen, könnten europäische Verbündete dem Land ihren Platz in der Warteschlange für US-Waffen überlassen. Hintergrund ist, dass die USA und ihre Verbündeten in der Golfregion im Krieg gegen den Iran so viele Patriots verschossen haben, dass die Fertigungslinien beim Hersteller Lockheed Martin auf Jahre ausgelastet sind.
Für die Ukraine sind das schlechte Aussichten. Die Lizenz zur Patriot-Produktion im eigenen Land gilt nur für Raketen der älteren Version PAC-2, die zur Bekämpfung von Kampfjets ausgelegt sind. Als verlässlichere Abwehrwaffe gegen Russlands Raketen gelten dagegen die PAC-3-Raketen, die ausschließlich in den USA und Japan gefertigt werden. Lockheed Martin will die Produktionsrate von etwa 600 PAC-3-Raketen in diesem Jahr auf rund 2.000 Stück im Jahr 2030 hochfahren. Doch selbst diese Zahl dürfte die globale Nachfrage nicht decken – und Kiew steht bei der US-Regierung von Präsident Donald Trump nicht sehr weit oben auf der Liste der wichtigen Verbündeten.
Ein Hoffnungsschimmer kam Ende voriger Woche aus Washington: Nach langem Hin und Her hat die US-Regierung der Ukraine die Erlaubnis zur Herstellung eigener Patriot-Flugabwehrraketen erteilt, wie Präsident Wolodymyr Selenskyj nach der UN-Generalversammlung in New York sagte. Für die Menschen in der Ukraine ist das eine gute Nachricht in düsteren Zeiten, doch ihren praktischen Nutzen muss die Zusage noch erweisen.
Deshalb dürften viele Ukrainer sehnsüchtig auf den ersten Einsatz des Flugabwehrsystems Freyja warten. Entwickelt wird es von der Firma Fire Point, deren Flamingo-Marschflugkörper bereits regelmäßig gegen Ziele tief in Russland eingesetzt werden. Auch die Langstreckendrohnen FP-1 und FP-2 schlagen immer wieder in russischen Ölraffinerien ein. Mit der FP-9 arbeitet Fire Point zudem an einer ballistischen Rakete, die einen 800 Kilogramm schweren Sprengstoff mehr als 850 Kilometer weit transportieren soll – sie wäre auch für das gut geschützte Moskau eine ernsthafte Bedrohung.
Noch befinden sich die Fire-Point-Raketen in der Entwicklung. Immerhin absolvierte das Unternehmen Anfang Juni einen ersten Testflug mit der Freyja-Rakete FP-7.x. Den ersten Abfangeinsatz unter Gefechtsbedingungen strebt Fire Point für Mitte kommenden Jahres an. Bis zu 2.000 Abfangraketen pro Jahr will die Firma dann herstellen, bei einem Stückpreis von unter einer Million Euro. Zum Vergleich: Eine Patriot-PAC-3-Rakete kostet etwa 3,8 Millionen Euro. Inzwischen beteiligen sich auch mehrere EU-Länder an der Entwicklung des Freyja-Systems.
Technisch werden die Freyja-Raketen allerdings eher den älteren Patriots der Version PAC-2 ähneln. Diese bekämpfen feindliche Flugzeuge oder Hubschrauber mit einem Gefechtskopf, der in der Nähe des Ziels detoniert und eine Splitterwolke erzeugt. Experten gehen daher davon aus, dass Freyja zunächst eine Ergänzung zum Patriot-System sein wird. Langfristig will Fire Point die Raketen aber mit einem «Hit-to-Kill»-Gefechtskopf ausstatten, über den auch die PAC-3-Raketen verfügen. Diese zerstören ihre Ziele durch direkte Treffer.
Von diesen Fähigkeiten ist die Ukraine derzeit weit entfernt. An der mehr als 1.300 Kilometer langen Frontlinie konnten die Verteidiger zuletzt kleinere Erfolge erzielen, doch die Zivilbevölkerung in den frontnahen Städten und in Kiew ist dem russischen Terror weitgehend schutzlos ausgeliefert. Noch geht es für Kiews Truppen darum, die eigene Bevölkerung mit begrenzten Mitteln so gut es geht gegen Bedrohungen aus der Luft zu schützen.
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