Merz rückt von Frauen-Kandidatur für Bundespräsidentenamt ab
Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich im ARD-Sommerinterview von seiner früheren Präferenz für eine Frau als Bundespräsidentin distanziert. Entscheidend seien nun andere Kriterien als das Geschlecht. Als Gründe gelten parteiinterner Druck, Ärger über Markus Söder und ein neues Anforderungsprofil für das Amt.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine frühere Präferenz für eine Frau als künftige Bundespräsidentin relativiert. Im ARD-Sommerinterview antwortete er auf die Frage, ob das Staatsoberhaupt erstmals eine Frau werden solle, mit deutlichem Kopfschütteln. Zwar seien seine Sympathien für eine Kandidatin bekannt, doch brauche das Land eine Person mit großer Integrationskraft. „Da ist die Frage nach dem Geschlecht weniger wichtig als die Persönlichkeit“, sagte der Kanzler.
Damit entfernt sich Merz von seiner Aussage aus dem August 2025, als er erklärte, er könne sich gut vorstellen, dass 2027 erstmals eine Frau zur Bundespräsidentin gewählt werde. Diese Äußerung hatte eine lange Debatte darüber ausgelöst, welche Konservative ins Schloss Bellevue einziehen könnte. In der Union wird die Frage inzwischen wieder offener diskutiert. Hochrangige Parteimitglieder fordern, das Geschlecht solle keine überragende Rolle spielen, sondern die Eignung der Person im Vordergrund stehen.
Als ein Grund für den Kurswechsel gilt parteiinterner Druck. In der CDU ist eine Festlegung aufs Geschlecht traditionell umstritten. Viele Mitglieder im Präsidium bevorzugen die Devise, der oder die Beste solle das Amt übernehmen. Zudem überzeugt keine der möglichen Kandidatinnen die Partei vollständig: Familienministerin Karin Prien gilt vielen als zu liberal, Parlamentspräsidentin Julia Klöckner sei mit ihrem Amt ausgelastet, und die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner ist außerhalb Bayerns zu wenig bekannt und gehört der CSU an. Aus Sicht vieler Christdemokraten sollte der nächste Bundespräsident jedoch ein CDU-Parteibuch haben.
Ein weiterer Faktor ist der Ärger über CSU-Chef Markus Söder. Dieser hatte seine Parteifreundin Aigner im Frühjahr unabgesprochen mit Merz ins Spiel gebracht, was beim Kanzler auf Unmut stieß. Merz will erst nach den Wahlen in Ostdeutschland über die Besetzung entscheiden und begründet das mit der möglicherweise neuen Zusammensetzung der Bundesversammlung. In der CDU wächst jedoch der Unmut darüber, dass die Debatte erneut von Söder dominiert wird. „Wir lassen uns nicht aus Bayern diktieren, wer Staatsoberhaupt wird“, zitiert die Partei einen einflussreichen CDU-Vertreter. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein wurde aus der Partei heraus als Gegenkandidat ins Spiel gebracht, was Merz missfiel. Intern werden Rhein allerdings keine Chancen eingeräumt.
Je näher die Wahl am 30. Januar 2027 rückt, desto mehr rückt auch das Anforderungsprofil in den Fokus. Ein neues Staatsoberhaupt dürfte mit deutlich unruhigeren politischen Verhältnissen konfrontiert sein als bisherige Amtsinhaber. Insbesondere mögliche Regierungen unter Führung der AfD in Bund und Ländern könnten komplexe verfassungsrechtliche Fragen aufwerfen. Der Bundespräsident darf Gesetze ablehnen, die seiner Auffassung nach der Verfassung widersprechen. Auch die Stabilität der Bundesregierung und die Frage möglicher Neuwahlen könnten in den Aufgabenbereich des nächsten Staatsoberhaupts fallen.
In der Union wird deshalb auch der Name des früheren Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio genannt. Dem 72-jährigen Juristen wird ein gutes Verhältnis zu Merz nachgesagt. Di Fabio ist parteilos, war aber von 1999 bis 2011 auf Vorschlag der CDU Richter am Bundesverfassungsgericht. Seine Dissertation verfasste er zum Rechtsschutz im parlamentarischen Untersuchungsverfahren. Tiefe Kenntnis juristischer und parlamentarischer Verfahren scheint derzeit hohe Priorität bei der Kandidatensuche zu haben. Unterstützer einer Frau im Amt argumentieren jedoch, dass auch Karin Prien und Ilse Aigner als Juristinnen diese Qualifikation mitbringen würden.




