Sicherheitsexpertin: Hybride Angriffe sind das, was Russland gut kann
Bei „Caren Miosga“ diskutierten Experten über Russlands hybride Kriegsführung gegen Deutschland. Sicherheitsexperten forderten entschlossene Gegenmaßnahmen, während Ex-Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt zur Vorsicht bei der Schuldzuweisung mahnte.
Die Diskussion über Russlands hybride Angriffe auf Deutschland gewinnt an Schärfe. In der Talkshow „Caren Miosga“ waren sich die Gäste am Sonntagabend weitgehend einig, dass hinter den jüngsten Vorfällen wie dem Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle, Hackerangriffen auf kritische Infrastruktur und massiven Desinformationskampagnen der Kreml steckt. Die zentrale Frage der Sendung lautete: „Russlands hybrider Krieg – wie groß ist die Gefahr für Deutschland?“
Nico Lange, Leiter des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit und früherer Chef des Leitungsstabes im Bundesverteidigungsministerium, forderte ein entschlosseneres Vorgehen. Man wisse, mit wem man es zu tun habe, stellte er fest und betonte: „Wir müssen uns auch endlich wehren gegen diese Dinge.“ Moskau werde ohnehin immer abstreiten, verantwortlich zu sein. Generell sei es eine große Schwäche, dass man auf russischer Seite keine Kosten für die verdeckten Attacken verursache. Insofern könne man Bundeskanzler Friedrich Merz nur ermutigen, seine jüngsten Ankündigungen in die Tat umzusetzen. Merz hatte nach dem Drohnenvorfall Reaktionen angekündigt und die nicht näher benannten Urheber hybrider Angriffe gewarnt: „Sie werden dafür bezahlen.“
Die Sicherheitsexpertin Hanna Notte, Direktorin des Eurasien-Programms am James Martin Center for Nonproliferation Studies, erkannte in den jüngsten Ereignissen eine neue Qualität der russischen Operationen. Russland sehe Deutschland und Europa schon seit Langem als legitime Zielscheibe für solche Angriffe. Ziel sei es, den Preis für die Länder, die die Ukraine unterstützten, zu erhöhen, damit diese die Waffenlieferungen einstellten. Der Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle, der als zentraler Umschlagplatz für militärische Hilfslieferungen an die Ukraine gilt, sei ein Zeichen dafür. Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne war Anfang August in unmittelbarer Nähe zu einer ukrainischen Transportmaschine entdeckt worden.
Dass Moskau mittlerweile verstärkt auf Explosionen und physische Gewalt setze, zeige, dass es nun darum gehe, die militärische Unterstützung direkt zu sabotieren. Speziell die wachsende Verflechtung zwischen der deutschen und der ukrainischen Rüstungsindustrie werde in Russland mit Sorge verfolgt und als Legitimierung für solche Attacken angesehen. Notte deutete die aktuelle hybride Kriegsführung aber auch als Ausdruck des Scheiterns einer früheren russischen Strategie. In den ersten beiden Kriegsjahren habe man sich noch auf „nukleares Säbelrasseln“ verlegt, um dann festzustellen, dass diese bedrohliche Rhetorik irgendwann nicht mehr ernst genug genommen worden sei.
Seitdem bleibe der Russischen Föderation eigentlich nur das Operieren im hybriden Raum, konstatierte Notte und fügte hinzu: „Das ist auch einfach das, was Russland gut kann.“ Zum einen seien die russischen Geheimdienste darin geschult, zum anderen könnten sie sich der vollen Gunst und Wertschätzung des Ex-KGB-Manns Putin sicher sein. Vor diesem Hintergrund mahnte Notte dringend an, sich auf weitere Änderungen in der Vorgehensweise Russlands vorzubereiten und potenzielle vulnerable Ziele zu schützen. „Der Instrumentenkasten der hybriden Kriegsführung ist unerschöpflich“, resümierte die Politikwissenschaftlerin.
Etwas schwerer als seine beiden Mitdiskutanten tat sich Wolfgang Schmidt (SPD), Ex-Kanzleramtschef und Berater des Drohnen-Start-ups Perennial Autonomy, mit einer klaren Schuldzuweisung in Richtung Moskau. Gerade für die Politik sei es immens wichtig, das Ende der Ermittlungen abzuwarten und sich komplett sicher sein zu können, sagte der frühere Kanzleramtschef des Kabinetts von Olaf Scholz. Seine Warnung vor einer voreiligen öffentlichen Festlegung fiel dementsprechend klar aus: „Das geht total nach hinten los.“
In diesem Kontext erinnerte Schmidt an die Sprengung der Nord-Stream-2-Pipeline im September 2022. Er habe damals instinktiv gedacht: „Das werden die Russen gewesen sein.“ Öffentlich geäußert habe er es aber zum Glück nicht. Nach heutigem Ermittlungsstand geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass die Täter ukrainische Taucher waren, die im Auftrag staatlicher ukrainischer Stellen agierten. Trotz aller Vorsicht spreche beim Vorfall in Leipzig viel für Russland, erklärte Schmidt und mutmaßte, dass sich die Bundesregierung „sehr bald“ dazu äußern werde.
Welche Wirkung eventuelle deutsche Gegenmaßnahmen in Russland selbst entfalten könnten, blieb in der Diskussion unklar. Notte wies darauf hin, dass das wachsende Unbehagen der russischen Bevölkerung nicht automatisch mehr Druck auf Putin bedeute. Zwar wüchsen die Kriegsmüdigkeit und die Sorge vor einer großen Mobilmachung nach den Duma-Wahlen, doch ein direkter Zusammenhang mit einem Ende der hybriden Angriffe sei nicht absehbar.




