HDE-Chef Genth: AfD-Forderungen bedrohen 3,1 Millionen Beschäftigte im Handel
Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland warnt vor den wirtschaftlichen Folgen der AfD-Politik. Besonders die Forderung nach «Remigration» würde den Einzelhandel hart treffen, der auf Zuwanderung angewiesen ist.
Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, hat eindringlich vor den wirtschaftlichen Konsequenzen einer Politik der AfD gewarnt. Die Partei sei für ihn «in dieser Form nicht wählbar», sagte Genth. Besonders die Forderung nach «Remigration» – also die Ausweisung von Migranten – würde die Handelsbranche mit ihren rund 3,1 Millionen Beschäftigten und 100.000 Unternehmen massiv treffen. «Wenn wir all diese Menschen nicht mehr beschäftigen könnten und dürften, dann bricht unser System zusammen», sagte Genth. Ohne Zuwanderung könne der Handel seine Stellen gar nicht mehr besetzen, «dann könnten wir die Läden dichtmachen».
Genth äußerte sich vor dem Hintergrund der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD fast 44 Prozent der Stimmen erreichte, sowie mit Blick auf die anstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Der HDE-Chef betonte, dass die Herkunft der Beschäftigten im Handel keine Rolle spiele, sondern allein die persönliche Qualifikation. Wie viele Menschen mit Migrationsgeschichte in der Branche arbeiten, sei statistisch nicht erfasst – «und das ist auch gut so», so Genth. Die Vielfalt sei ein zentraler Erfolgsfaktor des Handels.
Neben der Migrationspolitik kritisierte Genth weitere AfD-Positionen als wirtschaftsfeindlich. Ein Ausstieg aus dem Euro und die Rückkehr zur D-Mark wären «absolut wirtschaftsfeindlich», ein EU-Austritt «völlig unmöglich». Auch ein Rentenniveau von 70 Prozent sei nicht finanzierbar und gleiche einem «Wunschkonzert». Der Partei fehle die staatspolitische Verantwortung. Der europäische Binnenmarkt sei für den Handel, auch für den grenzüberschreitenden Onlinehandel vieler Mittelständler, von enormer Bedeutung.
Genth berichtete zudem von einem schwierigen Klima in Ostdeutschland. Einzelhändler meldeten vereinzelt Anfeindungen. Zwar hätten Menschen mit Migrationshintergrund noch nicht aufgehört, dort zu arbeiten, doch gebe es bereits Kliniken, die Stellen ausschreiben, ohne den Standort zu nennen, damit sich Ärztinnen und Ärzte mit Migrationshintergrund überhaupt bewerben. «Das hätte ich mir vor fünf Jahren nicht vorstellen können», sagte Genth. Es sei «extrem traurig, wie weit es gekommen ist».
Auf die Frage, dass auch Unternehmer und Verbandsmitglieder die AfD gewählt haben, entgegnete Genth, dies sei eine höchstpersönliche Entscheidung. Dahinter stehe oft Verzweiflung und Frust über politische Entscheidungen. Man dürfe nicht alle Wähler als Rechtsextreme beschimpfen. Wer der AfD jedoch seine Stimme gebe, trage deren System, Werte und Kernaussagen mit. Viele Unternehmer trauten den etablierten Parteien offenbar nicht mehr zu, die Zukunft zu gestalten – eine emotionale Ebene, die bei den vergangenen Wahlen stärker gewesen sei als rationale Argumente.
Als Beispiel für wachsende Bürokratie schilderte Genth den Fall einer Schmuckhändlerin aus Würzburg, die gerade eine neue Kasse für einige tausend Euro angeschafft habe. Führe die Regierung nun den elektronischen Kassenbon mit QR-Code ein, brauche sie erneut ein neues Gerät für 5.000 bis 10.000 Euro. «Das kann doch nicht wahr sein», habe die Händlerin gesagt. Genth sieht darin ein Zeichen mangelnder Verlässlichkeit der Politik.
Die Verödung der Innenstädte führt Genth indes nicht in erster Linie auf die Politik zurück. Es gebe keinen Unterschied zwischen Ost und West, was Geschäftsaufgaben angehe. Deutschland habe schon immer mehr Verkaufsfläche gehabt, als die Kaufkraft hergebe. Hinzu kämen demografische Entwicklung und der Onlinehandel. Wo nicht mehr genügend Menschen wohnten, könne kein Supermarkt betrieben werden. Genth erwartet nach den Landtagswahlen von Kanzler Friedrich Merz, dass die Politik die Sorgen der Menschen ernst nimmt und verlässliche Rahmenbedingungen schafft.




