Produktivitätsstudie: Bürokratie kostet Deutschland Wachstum
Die Arbeitsproduktivität in Deutschland wächst nur noch um 0,3 Prozent pro Jahr. Eine Studie zeigt: Bürokratie und ineffiziente Arbeitsabläufe bremsen die Wirtschaft. Ein Abbau der Regeln könnte schnell helfen.
Die deutsche Wirtschaft steckt in einem Produktivitätsstillstand, der den Wohlstand gefährdet. Das jährliche Wachstum der Arbeitsproduktivität ist von rund zwei Prozent in den 1980er- und 1990er-Jahren auf nur noch 0,3 Prozent in den vergangenen sechs Jahren gesunken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Um den Wohlstand zu halten, müsste der Produktivitätszuwachs demnach gut fünfmal so hoch ausfallen.
Der demografische Wandel verschärft den Druck zusätzlich: Weil der Anteil der Erwerbspersonen sinkt, muss eine kleinere Gruppe von Beschäftigten eine höhere Leistung erbringen. Doch viele Unternehmen stehen sich dabei selbst im Weg. Statt sich auf wertschöpfende Tätigkeiten zu konzentrieren, verlieren sich Mitarbeiter in endlosen Abstimmungsschleifen, überflüssigen Meetings und Berichtspflichten. Selbst kleinste Entscheidungen müssen oft von der Führungsebene abgesegnet werden, wie Beispiele aus der Praxis zeigen.
Die Unternehmen leiden zwar auch unter externer Bürokratie, für die sie nichts können. Zu viele Berichtspflichten, Formulare und Anträge verkomplizieren Prozesse unnötig. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, verwies gegenüber der ARD darauf, dass der staatliche Sektor neben der IT der Bereich sei, in dem die Beschäftigung am stärksten wachse – viele Menschen kämen Berichtspflichten nach und schrieben Nachhaltigkeitsberichte. Die schwarz-rote Koalition hat hier Besserung angekündigt. Doch viele Firmen haben auch hausgemachte Bürokratie, deren Abschaffung sie selbst in der Hand haben.
Das Problem ist nicht rein deutscher Natur. Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte unter Führungskräften aus 93 Ländern zeigt: Die Befragten stecken 41 Prozent ihrer täglichen Arbeitszeit in Aufgaben, die für ihr Unternehmen keinen echten Wert schaffen. Ein Drittel gibt zu, vor allem die Arbeit zu machen, die auffällt – unabhängig davon, ob sie wirklich wichtig ist. Hinzu kommt der Druck, ständig erreichbar zu sein. Wer immer online ist und schnell antwortet, gilt als produktiv, obwohl Sichtbarkeit und echte Leistung verschiedene Dinge sind.
Dabei wissen die meisten Führungskräfte, worauf es ankommt: 82 Prozent halten es laut Deloitte für wichtig, Beschäftigten mehr Raum für Wachstum, Ideen und echtes Nachdenken zu geben und unnötige Arbeit wegzuräumen. Gleichzeitig haben nur 35 Prozent damit begonnen, und gerade einmal acht Prozent kommen dabei gut voran. Deloitte rät Unternehmen, innezuhalten und die eigene Arbeit ehrlich zu durchleuchten. Bei jeder Aufgabe solle gefragt werden, welches Ergebnis am Ende herauskommen soll – und was niemand vermissen würde, wenn man es streicht. Entscheidend sei, dass Chefs das nicht im Alleingang verordnen, sondern gemeinsam mit den Beschäftigten entscheiden.
Zusammen mit dem Bürokratieabbau, den die Politik in der Hand hat, wären diese Maßnahmen ein Weg aus dem Produktivitätsstillstand. Laut der IW-Studie sogar der am schnellsten wirkende: Würde Deutschland seine Regeln, Formulare und Berichtspflichten auf das schlanke Niveau Schwedens bringen, könnte die Produktivität schon nach einem Jahr um 1,6 Prozent steigen – genau auf jenen Wert, den es Jahr für Jahr bräuchte, um keinen Wohlstand einzubüßen.
Die Studie nennt weitere Hebel, die ihre Kraft erst auf längere Sicht entfalten. Am meisten verspricht sie sich von echter Innovation: Unternehmen, die mehr in Forschung und neue Produkte stecken, könnten bis zu 13 Prozent mehr Produktivität gewinnen. Es folgen Künstliche Intelligenz, die Abläufe schneller machen kann, mit rund neun Prozent sowie die Digitalisierung mit weiteren Potenzialen.




