Volkswagen kündigt zehn Tarifverträge und öffnet Verhandlungen über Sparmaßnahmen
Volkswagen hat zehn Tarifverträge gekündigt, darunter den Manteltarifvertrag. Die IG Metall spricht von einem «üblen Foul» und kündigt Widerstand an. Erste Folgen könnten die Beschäftigten ab Januar 2027 spüren.
Der Autobauer Volkswagen hat im Ringen um schärfere Sparmaßnahmen einen Großteil seiner Tarifverträge gekündigt – darunter den wichtigen Manteltarifvertrag. Nach Angaben der IG Metall handelt es sich um zehn der insgesamt 13 Haustarifverträge. Das Unternehmen bestätigte die Kündigungen nach einem Gespräch mit Arbeitnehmervertretern in Hannover, ohne die genaue Zahl zu nennen. Mit der fristgerechten Kündigung zum 31. Dezember 2026 will VW Verhandlungsraum für Anpassungen öffnen.
Aus Sicht des Unternehmens sind verschiedene Regelungen in den Verträgen mit Blick auf den aktuellen Kostendruck nicht mehr zeitgemäß. Personalvorstand Arne Meiswinkel erklärte, das wirtschaftliche Umfeld für die Autoindustrie und damit auch für Volkswagen habe sich gravierend verschärft. «Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa», so Meiswinkel. Das erhöhe den Preis- und Wettbewerbsdruck enorm. Die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan 2030 müssten daher schnell und konsequent umgesetzt werden.
Der Manteltarifvertrag bündelt zahlreiche grundlegende Regelungen für die mehr als 100.000 Beschäftigten in Deutschland, darunter Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und Zulagen. Nicht betroffen ist der Zukunftstarifvertrag 2024 mit der darin vereinbarten Beschäftigungssicherung bis Ende 2030. Erste Folgen könnten die Beschäftigten nach Gewerkschaftsangaben ab Januar 2027 spüren.
Die Arbeitnehmerseite reagierte scharf. «Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen», teilte Niedersachsens IG-Metall-Chef Thorsten Gröger mit. Man werde das nicht hinnehmen. VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo rechnete mit einer «heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel».
Am Mittwoch trafen sich Vertreter von Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat zu einem Überprüfungsgespräch. Die Arbeitnehmer hatten das Treffen ursprünglich anberaumt, um Klarheit darüber zu verlangen, ob und wie VW die Zusagen aus dem Zukunftstarifvertrag von 2024 einhält. Diese Abmachungen sahen sie angesichts der deutlich verschärften Sparpläne in Gefahr. Das Management wollte im Gegenzug erklären, warum die damals vereinbarten Einsparungen aus seiner Sicht nicht mehr ausreichen.
Der Tarifabschluss 2024 war hart erkämpft worden. Erst nach Warnstreiks und einem einwöchigen Verhandlungsmarathon kurz vor Weihnachten hatte es eine Einigung gegeben. Der Kompromiss sieht den Abbau von 35.000 VW-Jobs in Deutschland bis 2030 vor. Außerdem wurden Boni und Zulagen gekürzt und Lohnerhöhungen auf Eis gelegt. Europas größter Autobauer verzichtet im Gegenzug auf betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen – und sagte Investitionen und neue Produkte für die deutschen Standorte zu.
Das Überprüfungsgespräch war das erste offizielle Treffen von Unternehmen und Arbeitnehmervertretern in größerer Runde seit dem Aufsichtsratsbeschluss Anfang September. Die Aufseher hatten sich angesichts der Probleme in der Branche auf einen Zukunftsplan des Vorstands geeinigt, der Volkswagen deutlich profitabler machen soll. Das Management um VW-Chef Oliver Blume hat seitdem ein Mandat, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen. Weltweit will der Vorstand in den kommenden Jahren unter anderem 50.000 Stellen streichen – zusätzlich zu bisherigen Abbauplänen im Konzern. Marken und Gesellschaften sind demnach beauftragt, das auszuplanen. Die Hälfte könnte auf deutsche Standorte entfallen. Konkrete Programme müssen aber erst mit den Arbeitnehmern verhandelt werden.
Darüber hinaus ist die Zukunft der VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus offen. Die jetzt ausgesprochenen Kündigungen dürften die Verhandlungen zwischen Management und Arbeitnehmervertretern weiter anheizen.
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