Grenzah

Montag, 31. August 2026

© 2026 Grenzah

Teil der GruppeMosaic Media

Entwickelt vonSponge — digital & design

Reichstag building

Historikerin sieht Parallelen zwischen heutiger Demokratiekrise und 1933

Die Wirtschaftshistorikerin Andrea Schneider-Braunberger hat erforscht, wie nah die Wirtschaft der NSDAP stand. Im Interview zieht sie Parallelen zur Gegenwart und erklärt, was Unternehmer heute aus der Geschichte lernen können.

Die Wirtschaftshistorikerin Andrea Schneider-Braunberger sieht in der aktuellen politischen Lage in Deutschland beunruhigende Parallelen zur Situation vor 1933. In einem Interview warnt sie vor einem wachsenden Gefühl in der Bevölkerung, dass demokratische Parteien die anstehenden Probleme nicht mehr lösen könnten. Diese Stimmungslage erinnere sie an die Zeit der Weimarer Republik, als viele Menschen die Hoffnung in die etablierten politischen Kräfte verloren hatten.

Schneider-Braunberger hat in ihrer Forschung untersucht, wie eng die deutsche Wirtschaft in den 1930er-Jahren mit der NSDAP verbunden war. Ihr Fokus liegt dabei auf der Frage, wie aus anfänglicher Zurückhaltung gegenüber den Nationalsozialisten ein breites Mitmachen wurde. Der zentrale Befund ihrer Arbeit: Es war vor allem Opportunismus, der viele Unternehmer dazu brachte, sich der NSDAP anzunähern. Wirtschaftliche Vorteile, Aufträge und der Wunsch nach Stabilität hätten oft schwerer gewogen als demokratische Prinzipien.

Die Historikerin betont, dass dieser Prozess nicht abrupt geschah, sondern schrittweise verlief. Viele Unternehmer hätten zunächst geglaubt, die radikalen Kräfte kontrollieren und für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können. Diese Rechnung sei jedoch nicht aufgegangen. Stattdessen habe sich das politische System Schritt für Schritt verschoben, bis eine Rückkehr zur Demokratie nicht mehr möglich war. Die Lehre daraus sei, dass demokratische Institutionen frühzeitig verteidigt werden müssten, bevor sie ausgehöhlt würden.

Auf die Gegenwart übertragen, sieht Schneider-Braunberger die Gefahr, dass ähnliche Dynamiken erneut wirksam werden könnten. Sie verweist auf Umfragen und gesellschaftliche Debatten, die auf ein schwindendes Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der etablierten Parteien hindeuten. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wachse die Versuchung, nach einfachen Antworten und starken Führungsfiguren zu rufen. Dies sei ein Nährboden, den auch heute radikale Kräfte nutzten.

Für Unternehmerinnen und Unternehmer leitet die Historikerin daraus eine besondere Verantwortung ab. Sie ruft dazu auf, sich aktiv für demokratische Werte einzusetzen und nicht aus kurzfristigem Kalkül mit Kräften zu paktieren, die die freiheitliche Grundordnung infrage stellen. Die Geschichte zeige, dass wirtschaftlicher Erfolg auf Dauer nur in einem stabilen demokratischen Rahmen möglich sei. Wer dies ignoriere, riskiere letztlich genau die Verhältnisse, die er habe vermeiden wollen.

Das Interview ist Teil einer Reihe, in der sich das Handelsblatt mit der Rolle von Familienunternehmern in politischen Umbruchzeiten beschäftigt. Schneider-Braunberger leitet das Institut für bank- und wirtschaftshistorische Forschung und gilt als ausgewiesene Expertin für die Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus.

Franziska Thielmann

Autor

Reporterin

Franziska Thielmann berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

Weiter im RessortGesellschaft