Die britische Labour-Partei steht vor einem Führungswechsel: Auf einem Sonderparteitag am Freitag soll Andy Burnham offiziell zum neuen Parteivorsitzenden gewählt werden. Der 56-Jährige tritt damit die Nachfolge von Keir Starmer an, der Ende Juni nach einer schweren Niederlage bei den Regional- und Kommunalwahlen seinen Rücktritt erklärt hatte. Da in Großbritannien der Vorsitz der Regierungspartei traditionell mit dem Amt des Premierministers verbunden ist, wird Burnham voraussichtlich am kommenden Montag von König Charles III. zum neuen Regierungschef ernannt.
In seiner für den Mittag vorgesehenen Rede vor den Delegierten will Burnham einen «neuen Weg» für das Vereinigte Königreich ausrufen. Wie aus vorab veröffentlichten Auszügen seiner Rede hervorgeht, wird er kritisieren, dass Großbritannien «in den 1980er-Jahren eine Reihe falscher Abzweigungen genommen» habe. Damals sei «politische Macht zentralisiert und wirtschaftliche Macht privatisiert» worden. Damit die Wirtschaft für die Menschen im ganzen Land funktioniere, brauche es «einen neuen Weg als den, auf dem wir seit 40 Jahren unterwegs sind».
Burnham will demnach Vorschläge für einen wirtschaftlichen Neubeginn präsentieren und insbesondere eine Reindustrialisierung des Landes ankündigen. Seine Regierung werde «den Mut haben, sich den großen Fragen zu stellen, die die Politik vernachlässigt hat», heißt es in den Auszügen. Der designierte Premier setzt damit auf eine Abkehr von der marktliberalen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte und stellt die Weichen für eine stärkere staatliche Lenkung der Wirtschaft.
Mit seiner Ernennung zum Premierminister wäre Burnham der siebte Regierungschef Großbritanniens innerhalb von zehn Jahren. Das Land durchlebt damit eine Phase politischer Instabilität, die durch interne Parteikonflikte, wirtschaftliche Herausforderungen und den Brexit verschärft wurde. Burnham, der sich bereits 2010 und 2015 um den Labour-Vorsitz beworben hatte, kann auf eine lange politische Karriere zurückblicken: 2001 wurde er erstmals ins Unterhaus gewählt, unter Tony Blair war er Staatssekretär im Innenministerium, später ernannte ihn Gordon Brown zum Staatssekretär im Finanzministerium, dann zum Kultur- und schließlich zum Gesundheitsminister.
Der als «König des Nordens» bekannte Burnham war zuletzt Bürgermeister des Großraums Manchester und zählt zum gemäßigt-linken Flügel seiner Partei. Er gilt als Hoffnungsträger für die sozialdemokratische Labour-Partei, die in den vergangenen Jahren viele Wähler an die rechtspopulistische Partei Reform UK verloren hat. Seine Parteigenossen hoffen, dass Burnham diese Wähler zurückgewinnen kann. Seine breite Unterstützung in der Fraktion untermauert diese Erwartung: 379 der 403 Labour-Abgeordneten im Parlament haben sich hinter ihn gestellt, Mitbewerber gab es nicht.
Der Führungswechsel bei Labour kommt zu einem Zeitpunkt, da die Partei in Umfragen deutlich hinter den Konservativen liegt. Starmers Rücktritt am 22. Juni war die direkte Folge einer schweren Schlappe bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai, bei denen Labour in vielen traditionellen Hochburgen Stimmen verloren hatte. Burnham steht nun vor der Aufgabe, die Partei zu einen, das Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen und eine wirtschaftspolitische Alternative zur konservativen Regierung zu präsentieren.
Die formelle Ernennung durch König Charles III. am Montag wird den Machtwechsel besiegeln. Burnham wird dann nicht nur die Regierungsgeschäfte übernehmen, sondern auch die Richtung der britischen Politik neu bestimmen. Seine Ankündigung eines wirtschaftlichen Neuanfangs und einer Reindustrialisierung signalisiert einen Bruch mit der Politik der vergangenen Jahrzehnte, die von Privatisierung und Zentralisierung geprägt war. Ob Burnham die hohen Erwartungen erfüllen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
