Der Verein Berliner Unterwelten rüstet derzeit zwei Bunkeranlagen in Berlin um, um sie im Krisenfall als Schutzräume nutzen zu können. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und fehlender staatlicher Vorgaben handeln die Ehrenamtlichen auf eigene Initiative. Betriebsleiter Kay Heyne übt deutliche Kritik an der Bundesregierung, die ein nationales Schutzraumkonzept zwar erarbeitet, aber noch nicht verabschiedet habe.
Die beiden Anlagen – ein ehemaliger Operationsbunker in der Teichstraße in Reinickendorf sowie ein Bunker unter dem Blochplatz in Gesundbrunnen – sollen im Ernstfall rund 900 Menschen Platz bieten. Bislang sind die Räume mit schwarzen Klappstühlen und leeren Wasserkanistern ausgestattet, die auf ihre Nutzung warten. Die Belüftungsanlage stammt aus dem Jahr 1982. Heyne betont, dass der Verein über die nötige Fachkenntnis verfüge: Mehrere Mitglieder hätten 2004 die letzten Lehrgänge für Schutzraumbetrieb beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) absolviert. Doch ohne verbindliche Kriterien von politischer Seite sei eine vollständige Vorbereitung kaum möglich.
Seit dem Ende des Kalten Krieges hat Deutschland das Thema Zivilschutz stark vernachlässigt. 2007 entschied die Bundesregierung, die vorhandenen Schutzräume schrittweise zu entwidmen. Heute gibt es schätzungsweise noch 480.000 Plätze in Schutzräumen – bei einer Bevölkerung von 83,4 Millionen Menschen. Während andere europäische Länder über eine gute Bunkerinfrastruktur verfügen, fehlt es in Deutschland an politischen Lösungen. Der Verein Berliner Unterwelten hat rund 20 Bunkeranlagen in der Hauptstadt angemietet, die ursprünglich der historischen Aufarbeitung dienen sollten. Nun werden sie mit der aktuellen Bedrohungslage konfrontiert.
Kay Heyne fordert von der Politik klare Vorgaben: «Die Politik muss vorangehen. Es braucht klare Definitionen, welchen Standards ein Platz in einem Bunker genügen muss und wie lange Menschen dort im Zweifelsfall bleiben sollen.» Auch Henning Goersch, Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz, kann die Verzögerung nicht nachvollziehen: «Ich kann mir nicht erklären, warum das so lange dauert.» Das Bundesinnenministerium und das BBK teilen auf Anfrage mit, das Schutzraumkonzept sei bereits erarbeitet und werde derzeit mit den Ländern abgestimmt. Ein Sprecher erklärte, zur Identifizierung geeigneter Räume habe eine Arbeitsgruppe einen Kriterienkatalog erstellt. Heyne kennt diesen Katalog noch nicht. Er kritisiert, das Tempo sei viel zu langsam: «Der Krieg in der Ukraine dauert bereits länger als der Erste Weltkrieg.» Das BBK hält am Ziel fest, bis 2029 zivilverteidigungsfähig zu sein.
Die Berliner Unterwelten sehen ihr Projekt als ersten Versuch, praktische Erfahrungen für den Zivilschutz zu sammeln. Viele Fragen bleiben offen: Wie lange sollen Menschen in den Bunkern ausharren? Welche Versorgung ist nötig? Ohne eine politische Gesamtstrategie, so Heyne, bleibe vieles Stückwerk. Der Verein hofft, dass die Politik aus dem Beispiel lernt und endlich handelt – bevor die nächste Krise eintritt.
