Die EU-Staaten wollen nach der Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta künftig geschlossener auftreten und soziale Netzwerke stärker als Frühwarnsystem nutzen. Nach einer außerplanmäßigen Videokonferenz der EU-Innenminister hieß es, die Kommunikation in Krisenzeiten solle durch zeitnahe Koordinierung gestärkt und kohärenter werden. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) nahm an der Runde teil.
Hintergrund ist der beispiellose Ansturm auf die spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste. Nach neuen Angaben der spanischen Regierung hatten vorübergehend rund 72.000 Menschen von Marokko aus die Grenze erreicht. Etwa 70.000 seien inzwischen nach Marokko zurückgekehrt, sagte Innenminister Fernando Grande-Marlaska. Nach der Bergung von drei weiteren Leichen stieg die Zahl der Todesopfer auf 75.
Die Krise hatte einen heftigen Streit zwischen den EU-Ländern ausgelöst. Die Mehrheit der Staats- und Regierungschefs kritisierte die spanische Migrationspolitik; Spaniens Regierung warf den Partnern vor, die Lage politisch auszuschlachten. In der Abschlusserklärung der Innenminister würdigten die Mitgliedstaaten nun ausdrücklich die raschen und wirksamen Maßnahmen der spanischen Behörden und sprachen den Angehörigen der Toten ihr Beileid aus.
Eine zentrale Rolle spielten offenbar soziale Netzwerke. Viele Migranten berichteten, sie seien durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die vermeintlich offene Grenze aufmerksam geworden. Dort habe sich rasch die Hoffnung verbreitet, in Ceuta stünden Unterkünfte bereit und die Weiterreise aufs spanische Festland sei möglich. Um künftig in vergleichbaren Situationen besser vorbereitet zu sein, will die EU beliebte Plattformen aufmerksamer beobachten. In der Mitteilung nach der Sondersitzung heißt es, zur Verbesserung des gemeinsamen Lagebilds könnten Frühwarnsysteme weiterentwickelt werden, etwa durch die Überwachung sozialer Medien.
Dobrindt nannte als weitere Stellschrauben die Bekämpfung von Schleuserbanden sowie die Stärkung der EU-Außengrenzen durch Frontex und physische Barrieren. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner zeigte sich nach der Sondersitzung zuversichtlich: Europa habe die Bewährungsprobe vorerst bestanden. «Es ist niemandem gelungen, in den Schengen-Raum einzureisen, und die Sicherung der Grenze wurde zügig gewährleistet», sagte der Österreicher.
Die Ceuta-Krise gilt als erster Stresstest für das neue EU-Migrationssystem, das vor etwa sieben Wochen in Kraft trat. Es soll den jahrelangen Streit zwischen den Mitgliedsländern beilegen und die Lasten der irregulären Migration solidarischer verteilen. Unter Druck stand das System bislang kaum, weil die Zahlen zuletzt deutlich sanken: Frontex registrierte im ersten Halbjahr rund 49.000 irreguläre Grenzübertritte an den Außengrenzen – ein Rückgang von 37 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025. Brunner wies darauf hin, dass allein auf den griechischen Inseln in einer Woche im Oktober 2015 ähnlich viele Menschen angekommen seien. Die Ereignisse in Ceuta zeigten jedoch, dass dramatische Bilder selbst die besten Statistiken in den Schatten stellten.
Besonders schwierig bleibt die Lage bei den unbegleiteten Minderjährigen. Nach Angaben der Regionalregierung betreut Ceuta mindestens 862 Kinder und Jugendliche, obwohl regulär nur 29 Plätze zur Verfügung stehen. Zusätzliche Unterkünfte werden in umfunktionierten Gebäuden eingerichtet. Grande-Marlaska betonte, Spanien respektiere die Grundrechte von Minderjährigen; das gehöre zu den wichtigsten Verpflichtungen und Prioritäten.
Die Innenminister befassten sich außerdem mit sogenannten Drittstaaten-Lösungen zur Entlastung des EU-Asylsystems. Dazu zählen Abschiebezentren außerhalb der EU und die Auslagerung von Asylverfahren. In die geplanten «Return Hubs» sollen vollziehbar ausreisepflichtige Personen kommen, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden können. Deutschland treibt das Vorhaben gemeinsam mit den Niederlanden, Österreich, Griechenland und Dänemark voran. Laut Dobrindt sollen noch in diesem Jahr konkrete Vereinbarungen mit Drittstaaten getroffen werden.
