Grenzah

Donnerstag, 29. Oktober 2026

© 2026 Grenzah

Teil der GruppeMosaic Media

Entwickelt vonSponge — digital & design

stern.de

Gen Z regelt ruft für Samstag zu Protesten in fast 30 Städten auf

Die lose organisierte Gruppierung „Gen Z regelt“ mobilisiert bundesweit zu Demonstrationen gegen hohe Lebenshaltungskosten und für bessere Bildung. Vorbild sind die Proteste in Frankreich, die Behörden in Deutschland beobachten.

Knapp 30 Städte in Deutschland, ein Aufruf in sozialen Netzwerken und eine Gruppierung, die sich erst formiert: Unter dem Namen „Gen Z regelt“ wird für diesen Samstag zu Protesten mobilisiert. Die Aufmerksamkeit ist groß, nachdem es in Frankreich zu Gewalt, Brandstiftung, Plünderungen, Ausgangssperren und Demonstrationsverboten gekommen war. Dort richteten sich die Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und für bessere Bildung.

Wer hinter dem Aufruf steckt, ist nach Angaben der Berichterstattung nicht ganz klar. Das Impressum der Website wurde innerhalb einer Woche zweimal geändert, am Donnerstag stand dort eine Schweizer Anschrift. Mobilisiert wird neben der Website vor allem über Plattformen wie TikTok, Instagram und Telegram, bundesweit wie auch lokal. Die „Gen Z steht auf“ genannte Initiative tritt damit ohne klar erkennbare Führung auf.

Der Politikwissenschaftler Jannis Julien Grimm vom Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung der Freien Universität Berlin hält diese lose Struktur für typisch. In frühen Mobilisierungsphasen entstünden Proteste häufig aus informellen Netzwerken, persönlichen Kontakten und digitalen Kommunikationsstrukturen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Eine verbindliche Organisation mit festen Sprecherrollen und einem ausgearbeiteten Programm entwickle sich, wenn überhaupt, erst im weiteren Verlauf. So sei es auch bei Fridays for Future gewesen.

Der Begriff Gen Z bezeichnet eine nicht klar definierte Alterskohorte. Das Pew Research Center in den USA erfasst damit Menschen, die nach 1996 geboren wurden, die Bundeszentrale für politische Bildung die Jahrgänge zwischen 1995 und 2010. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit digitalen Medien aufgewachsen sind und keine Erinnerung an eine Welt ohne Smartphones haben.

Auf der Website von „Gen Z regelt“ stehen sechs Forderungen. Verlangt werden Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen, ein bezahlbares Leben, eine gerechtere Verteilung der Lasten statt Sparen bei der jungen Generation sowie ein Nein zur Wehrpflicht. Außerdem sollen Grundrechte geschützt statt die Überwachung ausgebaut und der Klimaschutz konsequenter umgesetzt werden. Die Initiative versteht sich als solidarisch mit den Schülerprotesten in Frankreich.

Grimm sieht hinter den Forderungen eine geteilte Erfahrung politischer Ohnmacht und wachsender Zukunftsunsicherheit in mehreren europäischen Ländern. Er verweist auf zunehmende soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten, eine vielerorts chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems und eine Klimakrise, deren Folgen vor allem jüngere Generationen tragen werden. Hinzu kämen die Militarisierung der europäischen Sicherheitspolitik sowie Debatten über Wehrpflicht und Aufrüstung. In alternden Gesellschaften entstehe dadurch ein Generationenkonflikt: Junge Menschen spürten die langfristigen Folgen heutiger Entscheidungen besonders stark, hätten aber vergleichsweise wenig politisches Gewicht. Für Schülerinnen und Schüler, die häufig noch nicht wahlberechtigt seien, sei Protest eine der wenigen Möglichkeiten, Interessen sichtbar zu machen.

Die Behörden schließen Ausschreitungen wie in solchen Situationen üblich nicht aus, geben sich bislang aber gelassen. Das Bundesinnenministerium sieht vorerst keine konkreten Aufrufe zu Gewalt. Den Sicherheitsbehörden des Bundes lägen keine weitergehenden Erkenntnisse zu geplanten gewalttätigen Ausschreitungen vor. Allerdings griffen Teile der linksextremistischen Szene und vereinzelt Gruppierungen aus dem auslandsbezogenen Extremismus die Aufrufe auf und beteiligten sich an der Mobilisierung. Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel sagte am Mittwoch, es gebe Aufrufe, die an das Protestgeschehen in Frankreich anknüpfen wollten. Diese verfingen derzeit jedoch nicht, und es gebe bislang keine konkreten Hinweise auf Plünderungen wie in Frankreich.

Grimm hält Ausschreitungen in einem Ausmaß wie in Frankreich für unwahrscheinlich. Die Polizei gehe dort deutlich härter vor, und konfrontative Protestformen fänden in Deutschland geringere gesellschaftliche Akzeptanz, wodurch sich für Bewegungen wenig gewinnen lasse. Nina-Kathrin Wienkoop vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung betont, die bereits rhetorisch vorweggenommene Eskalation dürfe die Einsatzplanung der Polizei nicht beeinflussen. Die Behörden sollten sich wie üblich an Teilnehmerzahlen und Erkenntnissen vor Ort orientieren.

13Aufrufe

Christoph Reichert

Autor

Politischer Korrespondent

Christoph Reichert berichtet für Grenzah über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.

Weiter im RessortPolitik