Die russische Armee erhöht den militärischen Druck auf die Ukraine und versucht nach monatelanger Defensive wieder, selbst die Initiative zu übernehmen. Im Mittelpunkt stehen Angriffe auf Brücken, Nachschubwege und Eisenbahnlinien sowie eine neue Offensive im Raum Charkiw. Nach Einschätzung von Militärbeobachtern hat Kremlchef Wladimir Putin einen Zangenangriff befohlen, der ukrainische Verbände an der Grenze einkesseln soll.
An der Front im Donbass sind die Folgen unmittelbar zu spüren. Rund um Kramatorsk und Slowjansk bringen ukrainische Soldaten Munition, Treibstoff und Verpflegung nur noch unter großen Risiken an die vorderste Linie. Russische Aufklärungsdrohnen kreisen über den Zufahrtsstraßen, Angriffsdrohnen und Gleitbomben treffen Brücken sowie Verkehrsknotenpunkte. Auch Lokomotiven sind inzwischen bevorzugte Ziele. Eine wichtige Brücke über den Fluss Kasennyj Torez in Slowjansk wurde zuletzt schwer beschädigt. Sie verband die Stadt mit der Fernstraße nach Kramatorsk und gehörte zu den wenigen Übergängen, die schwere Militärfahrzeuge tragen konnten.
Für die ukrainischen Verteidiger ist das mehr als nur ein einzelner Verlust. Jede zerstörte Brücke erschwert den Nachschub an die Front und damit die Verteidigung der gesamten Region. Nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) folgt die russische Armee dabei einem klaren Prinzip: Erst wenn Versorgung und Verstärkung weitgehend unterbunden sind, sollen Infanterieeinheiten angreifen. Dieses Muster habe Moskau bereits Ende 2025 angewandt, als es über Monate systematisch Nachschubwege, Eisenbahnverbindungen und Brücken bombardiert habe. Nun richte sich die Strategie gegen den sogenannten Festungsgürtel der Ukraine mit den Städten Slowjansk und Kramatorsk.
Militärisch setzt Russland dabei verstärkt auf Gleitbomben. Sie erreichen auch stark befestigte Ziele und können Brücken oder Verteidigungsstellungen zerstören, ohne dass Kampfflugzeuge tief in den ukrainischen Luftraum eindringen müssen. Kleine Infanteriegruppen nutzen die entstandenen Trümmer anschließend als Deckung und arbeiten sich Schritt für Schritt vor. Weil ukrainische Drohnen große Panzervorstöße erschweren, bleiben die Geländegewinne allerdings oft gering. Häufig verschiebt sich die Front nur um wenige Hundert Meter, während einzelne Soldaten zerstörte Gebäude besetzen und auf Verstärkung warten. Diese Methode kostet Zeit, erschwert der Ukraine aber die Verteidigung.
Der verschärfte Druck ist Teil einer Kriegsführung, die sich in den vergangenen Wochen immer stärker gegen die wirtschaftlichen und logistischen Grundlagen des Gegners richtet. Traf die Ukraine russische Raffinerien, Umspannwerke oder Logistikzentren, antwortete Moskau mit Angriffen auf ukrainische Energieanlagen und Nachschubwege. Beschoss Kiew russische Häfen oder Schiffe im Schwarzen Meer, griff Russland kurz darauf die Hafeninfrastruktur rund um Odessa an. Nun geht der Kreml nach Einschätzung von Beobachtern einen Schritt weiter: Er versucht, mit gezielten Angriffen auf Brücken und Bahnlinien die Voraussetzungen für spätere Geländegewinne zu schaffen.
Besonders deutlich wird das Dilemma im Gebiet Charkiw. Putin befahl dort einen Zangenangriff, der im schlimmsten Fall zu einer Einkesselung ukrainischer Truppen führen könnte, die noch nahe der russischen Grenze stationiert sind. Seit einigen Tagen verdichten sich Hinweise, dass Russland zusätzliche Kräfte zusammenzieht. Ukrainische Militärs berichten von verstärkten Angriffen nordöstlich der Millionenstadt, Beobachter sehen Vorbereitungen für eine neue Offensive. Ziel dürfte es sein, die ukrainischen Verteidiger von der Grenze abzudrängen und ihre Kräfte zwischen Kupjansk und Charkiw zu binden.
Manche Beobachter halten es sogar für möglich, dass Russland langfristig versucht, den Raum Charkiw teilweise einzukesseln und damit eine zweite große Krisenzone neben dem Donbass zu schaffen. Bisher jedoch bleibt der erhoffte Erfolg aus. Weder bei Slowjansk noch bei Kramatorsk konnte die russische Armee zuletzt größere Geländegewinne erzielen. Auch im Raum Kostjantyniwka dauern die Kämpfe an, ein operativer Durchbruch blieb bislang aus. Der Kreml erhöht den Druck spürbar, stößt aber weiterhin an die Grenzen seiner militärischen Möglichkeiten.
