Ein beispielloser Massenansturm hat binnen weniger Stunden die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta erfasst. Zehntausende Menschen überwanden die Grenzanlagen. Während sich manche Bewohner in ihren Häusern verbarrikadierten, bedrohten und attackierten andere die oft sehr jungen Ankömmlinge, die zunächst halb nackt und orientierungslos durch die Straßen irrten. Inzwischen hat sich die Lage in Ceuta wieder beruhigt, doch die Bilder dürften die europäische Debatte über Migration noch lange prägen.
In Spanien herrscht über einen Punkt ungewöhnliche Einigkeit: Der Ansturm wäre nach Ansicht nahezu aller Beobachter kaum möglich gewesen, wenn die marokkanischen Sicherheitskräfte nicht zumindest zeitweise weggeschaut hätten. Die Grenze gilt als extrem streng bewacht; die Zeitung «El País» schrieb, Zehntausende Menschen hätten sie nicht ohne «Billigung oder Mitwirkung» der Verantwortlichen in Rabat überwinden können. Zahlreiche Videos, die den Vorfall dokumentieren, zeigen demnach untätige marokkanische Sicherheitskräfte.
Auch in Marokko selbst merken Beobachter an, dass ein solcher Vorfall nur möglich ist, wenn die Behörden ihn dulden. König Mohammed VI. regiert das Land autoritär und hat den Sicherheitsapparat sowie die digitale Überwachung massiv ausbauen lassen. Mehrere Migranten schilderten spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Die Frage nach dem Interesse Rabats führt in den Streit zwischen Spanien und Marokko, der sich in den vergangenen Wochen verschärft hat. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte die Beziehungen zu Algerien gestärkt – aus Sicht Marokkos eine Provokation, denn Algerien ist der regionale Erzrivale des Königreichs. Zudem billigte der Justizausschuss des spanischen Parlaments einen Gesetzentwurf, der vielen Sahrauis (der indigenen Bewohner der Westsahara) und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern soll. Marokko betrachtet die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla als «besetzte marokkanische Städte» und sieht in dem Gesetzentwurf womöglich einen weiteren Affront.
Hinzu kommt eine Vorgeschichte, die den Verdacht nährt, Rabat setze Migration gezielt als Druckmittel ein. Bereits 2021 hatte Spanien Marokko vorgeworfen, im Streit um die Westsahara Menschen als politisches Druckmittel zu benutzen. Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario in einem Krankenhaus aufgenommen; kurz darauf gelangten mehr als 8.000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von «Erpressung», Rabat konterte: «Handlungen haben Konsequenzen.»
Als ein mögliches Motiv für die jüngste Krise gilt zudem das Signal an Europa: Marokko erhält für seine Rolle als Grenzpolizist des Kontinents EU-Gelder in Millionenhöhe. Vielleicht, so die Vermutung, wollte Rabat zeigen, dass diese Rolle nicht selbstverständlich ist. Diskutiert werden auch Signale der spanischen Migrationspolitik. Dazu zählen die Legalisierung bereits im Land lebender irregulärer Migranten und ein Gerichtsurteil, das Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer erschwert. Die Legalisierung betrifft zwar keine Neuankömmlinge, könnte bei Migranten aber falsche Hoffnungen geweckt haben.
Einige Spekulationen gehen noch weiter. Spanien hat Israels Vorgehen im Gazastreifen und die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich dem Druck von Präsident Donald Trump widersetzt, die Verteidigungsausgaben schneller zu erhöhen. Manche Beobachter vermuten deshalb, Marokko habe im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt, um die linke Regierung in Madrid zu schwächen und die Migrationsdebatte in Europa anzuheizen. Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels gibt es allerdings nicht.
Die marokkanische Regierung ließ die Vorfälle bislang kommentarlos. Aus einer politischen Partei mit Nähe zum Königshof hieß es lediglich, ein «nationaler Dialog» über die Probleme der Jugend sei nötig. Einige werfen der Regierung vor, die Jugend vernachlässigt zu haben. Der Autor Abdelhamid Bajouki schrieb, für die Betroffenen sei «das Meer weniger furchteinflößend als das Zuhause».
Hintergrund des Ansturms ist eine prekäre Lage vieler junger Marokkaner. Die Wirtschaft des Landes wächst zwar so schnell wie seit Jahren nicht, doch die Arbeitslosigkeit ist vor allem unter jungen Menschen hoch. Nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation hat jeder Dritte zwischen 15 und 29 Jahren weder einen Job noch ein Studium oder eine Ausbildung. Besonders hart trifft es Frauen; auch in urbanen Zentren wie Casablanca, Rabat oder Fès bleibt die Situation angespannt.
