Ukraine befestigt den Tschornobyl-Korridor gegen neue Bedrohungen aus Belarus
Die Sperrzone ist heute Teil einer dauerhaft verstärkten Nordgrenze. Befestigungen, Minensperren und Rund-um-die-Uhr-Überwachung sind belegt, eine aktuelle russische Angriffsgruppierung in Belarus dagegen nicht.
Die Tschornobyl-Sperrzone hat im Krieg eine zweite Funktion erhalten. Neben Strahlenschutz, Naturschutz und der Sicherung der Nuklearanlagen ist sie heute Teil der ukrainischen Verteidigung an der Grenze zu Belarus. Der Grund liegt im Februar 2022: Russische Truppen nutzten belarussisches Gebiet, drangen durch die Sperrzone vor und bewegten sich in Richtung Kyjiw.
Die ukrainische Reaktion ist inzwischen dauerhaft angelegt. Im Dezember 2024 änderte ein Präsidialerlass die Grenzen des Tschornobyl-Strahlen- und Biosphärenreservats. 695,2 Hektar entlang der Staatsgrenze wurden Grenzschutzeinheiten zur ständigen Nutzung überlassen. Der Erlass nennt ausdrücklich technische und militärische Befestigungen, Zäune, Grenzschneisen und Kommunikationsinfrastruktur als Zweck.
Damit wurde aus einer militärischen Erfahrung eine institutionelle Grenzpolitik. Auch 2026 gingen die Arbeiten weiter. Der ukrainische Grenzschutz erklärte im Juni, Verteidigungs- und Befestigungslinien würden ausgebaut und Minensperren in besonders gefährdeten Abschnitten verstärkt. Associated Press beschrieb die Nordgrenze im Juli als stark befestigt, mit Minen, Panzersperren, Stacheldraht und Maßnahmen gegen Drohnen.
Zur Verteidigung gehört auch dauerhafte Aufklärung. Nach Angaben von AP patrouillieren ukrainische Grenzschützer rund um die Uhr und setzen dabei Drohnen sowie weitere Überwachungssysteme ein. Das bestätigt einen kontinuierlichen Kontrollansatz. Nicht öffentlich bekannt sind dagegen genaue Positionen von Beobachtungsposten, Patrouillenwegen oder einzelnen Sperren. Solche taktischen Angaben gehören aus Sicherheitsgründen nicht in eine offene Darstellung.
Auch beim Thema Verminung ist Präzision nötig. Öffentliche Quellen belegen Minenfelder und den Ausbau von Minen- und Sprengsperren in den gefährlichsten Richtungen. Sie belegen nicht die pauschale Aussage, sämtliche Straßen und Wälder der Tschornobyl-Zone seien dicht vermint. Die Verteidigung ist umfangreich, doch ihre genaue räumliche Struktur bleibt zu Recht nicht öffentlich.
Für Deutschland und die Schweiz ist die Entwicklung nicht nur militärisch relevant. Tschornobyl bleibt ein europäisches Nuklearsicherheitsproblem. Im Februar 2025 wurde der Neue Sichere Einschluss über dem zerstörten Reaktorblock 4 durch einen Drohnenangriff beschädigt. Die Kraftwerksleitung erklärte im April 2026, die Hülle könne die Dichtheit ihres Innenraums nicht mehr vollständig gewährleisten. Gleichzeitig blieb die Anlage kontrolliert; Messwerte lagen innerhalb der festgelegten Grenzen, und es wurden keine Freisetzungen oberhalb der zulässigen Werte registriert.
Die Sperrzone ist zudem ein ökologisch empfindliches Gebiet. AP berichtete, dass russische Soldaten 2022 Stellungen in kontaminiertem Boden ausgehoben hätten und militärisch bedingte Brände durch Wälder zogen. Das bedeutet, dass jede größere militärische Aktivität dort zusätzliche Risiken erzeugen kann, auch wenn sie nicht automatisch zu einem radiologischen Zwischenfall führt.
Die starke Befestigung sollte dennoch nicht als Beleg für einen unmittelbar bevorstehenden neuen Angriff gelesen werden. Der ukrainische Grenzschutz meldete im Juni keine Angriffsgruppierung nahe der Grenze, die zu einer Invasion fähig wäre. AP berichtete Ende Juli ebenfalls, ukrainische Stellen sähen keine Anzeichen für einen russischen Truppenaufmarsch in Belarus.
Die Logik ist vielmehr vorbeugend. Belarus bleibt der engste militärische Verbündete Russlands und wurde bereits einmal als Ausgangsraum eines Großangriffs genutzt. Für die Ukraine wäre es strategisch fahrlässig, den Norden erst dann zu befestigen, wenn sich erneut große Verbände sammeln.
Tschornobyl steht damit exemplarisch für die veränderte Sicherheitsordnung Europas. Ein Gebiet, das jahrzehntelang vor allem wegen einer nuklearen Katastrophe abgeschirmt wurde, wird nun zusätzlich gegen eine militärische Bedrohung gesichert. Die ukrainische Aufgabe besteht darin, beide Risiken gleichzeitig zu beherrschen: einen erneuten Durchbruch nach Süden zu verhindern und zugleich eine sensible nukleare und ökologische Landschaft vor neuen Schäden zu schützen.



