Im UN-Sicherheitsrat hat der mehrstufige Auswahlprozess für den Posten des Generalsekretärs begonnen. Die 15 Mitglieder führten am Donnerstag hinter verschlossenen Türen eine erste Probeabstimmung durch, wie Diplomaten mitteilten. Sieben Kandidaten – vier Frauen und drei Männer – bewerben sich um die Nachfolge des Portugiesen António Guterres, der das Amt nach zehn Jahren zum Jahresende abgibt.
Zu den bekanntesten Bewerbern zählen die frühere chilenische Präsidentin Michelle Bachelet sowie der Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), der Argentinier Rafael Grossi. Aus der Gruppe der lateinamerikanischen und karibischen Staaten kommen zudem die frühere Präsidentin der UN-Vollversammlung, María Fernanda Espinosa aus Ecuador, die Chefin der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Rebeca Grynspan aus Costa Rica, und die Diplomatin Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana. Uganda nominierte kurzfristig den früheren Präsidentschaftskandidaten Olara Otunnu nach. Damit stehen sieben Namen auf der Liste.
Der Auswahlprozess folgt einem traditionell geheim ablaufenden Verfahren. Die Abstimmungen im Sicherheitsrat erfolgen in mehreren Runden. Die fünf ständigen Mitglieder – USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien – können als Vetomächte einzelne Bewerber blockieren. Erst wenn der Rat einen Kandidaten oder eine Kandidatin empfiehlt, muss die UN-Vollversammlung die Wahl mit Zweidrittelmehrheit bestätigen. Diese formale Zustimmung gilt als sicher, sobald der Sicherheitsrat sich geeinigt hat.
Die noch bis Ende August amtierende Präsidentin der UN-Vollversammlung, die frühere Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne), hatte sich mehrfach dafür ausgesprochen, erstmals in der 81-jährigen Geschichte der Vereinten Nationen eine Frau an die Spitze der Organisation zu wählen. Ob dies gelingt, ist jedoch unsicher. Nach ungeschriebenen Rotationsregeln erhebt diesmal Lateinamerika und die Karibik Anspruch auf das mächtigste UN-Amt. Daher stammen fünf der sieben Kandidaten aus dieser Region – darunter auch drei Frauen, sodass eine weibliche Führung theoretisch möglich wäre. Baerbock selbst lehnte eine eigene Kandidatur ab, da die Rotation Lateinamerika den Vortritt lässt.
Beobachter sehen die UNO in ihrem 81. Jahr vor einer der größten Bewährungsproben ihrer Geschichte. Die USA unter Präsident Donald Trump haben massiv Finanzmittel gestrichen und Trump gründete einen eigenen «Friedensrat», den viele Länder als Konkurrenz zu den Vereinten Nationen betrachten. Hinzu kommen anhaltende globale Krisen – von bewaffneten Konflikten bis zu humanitären Notlagen – die die Handlungsfähigkeit der Weltorganisation auf die Probe stellen. Die Wahl des neuen Generalsekretärs oder der neuen Generalsekretärin wird daher nicht nur als Personalentscheidung, sondern auch als Richtungsentscheidung für die Zukunft der Vereinten Nationen gesehen.
António Guterres, der seit 2017 im Amt ist, hatte im Laufe seiner zwei fünfjährigen Amtszeiten mehrfach Reformen angemahnt und vor einer Zersplitterung der internationalen Gemeinschaft gewarnt. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird die Organisation ab Januar 2026 führen müssen – mit geschrumpftem Budget, wachsendem Misstrauen zwischen den Großmächten und einem sich verändernden geopolitischen Umfeld. Die nächsten Runden der geheimen Abstimmungen im Sicherheitsrat sollen in den kommenden Wochen fortgesetzt werden, bis ein Kandidat oder eine Kandidatin die nötige Mehrheit erreicht.
