Kurz vor dem WM-Halbfinale zwischen Argentinien und England hat Argentiniens Vizepräsidentin Victoria Villarruel mit einer scharfen politischen Äußerung für Aufsehen gesorgt. Auf der Plattform X bezeichnete sie die Engländer als «Piraten» und stellte das bevorstehende Fußballspiel in den historischen Kontext des Falkland-Krieges von 1982. «Ich werde nicht politisch korrekt sein oder einen kühlen Kopf bewahren», schrieb Villarruel und unterstrich damit die emotionale Aufladung der Partie.
Die Vizepräsidentin bezog sich in ihrem Beitrag auf die Malvinas, wie die Falklandinseln in Argentinien genannt werden, und verband das Spiel mit der argentinischen Fußballgeschichte. «Es sind die Malvinas. Es ist Diego, es ist Leos letzter Anlauf, und es geht darum, die Eindringlinge aufzuhalten», erklärte sie mit Verweis auf die Legende Diego Maradona und den aktuellen Superstar Lionel Messi. Ihre Wortwahl steht im starken Kontrast zur Haltung des argentinischen Nationaltrainers Lionel Scaloni, der das Spiel als rein sportliches Ereignis betrachtet wissen will. «Es ist ein Fußballspiel, ganz einfach. Das mit Politik zu vermischen, wäre Wahnsinn», sagte Scaloni vor der Begegnung.
Der Falkland-Krieg begann am 2. April 1982, als die damalige argentinische Militärjunta die Inseln vor dem argentinischen Festland besetzte, die seit 1833 unter britischer Kontrolle stehen. Großbritannien entsandte daraufhin eine Kriegsflotte, und der Konflikt endete am 14. Juni 1982 mit der Kapitulation Argentiniens. Auf argentinischer Seite starben 649 Menschen, auf britischer Seite 255, und drei Inselbewohner kamen ums Leben. Die historische Rivalität zwischen beiden Nationen überträgt sich seit Jahrzehnten immer wieder auf sportliche Begegnungen, insbesondere im Fußball. Bereits bei der WM 1986 in Mexiko trafen beide Teams im Viertelfinale aufeinander, als Diego Maradona mit der «Hand Gottes» und einem Sololauf zum 2:1-Sieg für Argentinien beitrug.
Die argentinischen Behörden bereiten sich derweil auf mögliche Ausschreitungen im Zusammenhang mit dem Halbfinale vor. In der Hauptstadt Buenos Aires errichtete die Polizei am Mittwoch Barrikaden rund um den bekannten Obelisken, einem zentralen Wahrzeichen und üblichen Treffpunkt für Fußballfans. Die Straßen in unmittelbarer Nähe des Denkmals werden während des Spiels für den Verkehr gesperrt. Diese beispiellose Sicherheitsmaßnahme folgt auf eine Versammlung jubelnder Fans nach Argentiniens Viertelfinalsieg über die Schweiz am vergangenen Samstag, die von der Polizei mit Gummigeschossen aufgelöst wurde.
Auch am Austragungsort des Halbfinals in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia kam es zu Zwischenfällen. Vor dem Spiel randalierten argentinische Anhänger, und die Polizei musste eingreifen. Augenzeugen berichteten, dass Mülleimer und Bänke durch die Luft flogen. Die Behörden in Atlanta hatten bereits im Vorfeld erhöhte Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um Ausschreitungen zu verhindern. Das Spiel zwischen England und Argentinien wird um 21 Uhr Ortszeit in Atlanta angepfiffen. Der Sieger trifft am Sonntag im Finale auf Spanien.
Die Äußerungen von Vizepräsidentin Villarruel haben in Argentinien und international unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Während einige politische Beobachter die Wortwahl als unangemessen für ein Sportereignis kritisieren, sehen andere darin einen Ausdruck der tief verwurzelten nationalen Gefühle, die mit dem Falkland-Konflikt verbunden sind. Die argentinische Regierung unter Präsident Javier Milei, dem Villarruel als Vizepräsidentin zur Seite steht, hat sich bisher nicht offiziell zu den Aussagen geäußert. Trainer Scaloni und die Spieler bemühen sich derweil, den Fokus auf das Sportliche zu lenken. Der Stürmer Julián Álvarez, der im Halbfinale eine Schlüsselrolle einnehmen könnte, betonte die Konzentration auf das Spiel. Die Begegnung in Atlanta ist das zweite WM-Halbfinale und verspricht eine hochklassige Partie zwischen zwei fußballerisch starken Teams.
