Gut zwei Monate vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat die CDU der Hauptstadt ihren Spitzenkandidaten ausgewechselt. Nach dem Rückzug von Regierungschef Kai Wegner soll Finanzsenator Stefan Evers die Spitzenkandidatur übernehmen. Darauf haben sich die CDU-Kreisvorsitzenden Berlins geeinigt, wie Fraktionschef Dirk Stettner am Rande eines Treffens am Abend mitteilte. Endgültig entscheiden muss der CDU-Landesvorstand, der voraussichtlich in den kommenden Tagen zusammentritt. Evers soll nach dem Willen der Kreisvorsitzenden zudem kommissarisch den Landesvorsitz der Partei übernehmen.
Der 46-jährige Evers ist seit 2023 Finanzsenator in Berlin und hatte nach dem Rücktritt von Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson im Frühjahr auch die Leitung des Kulturressorts übernommen. Er gilt in der Partei als erfahrener und ruhiger Politiker, der in den vergangenen Monaten mehrfach als möglicher Nachfolger Wegners gehandelt wurde. Die Entscheidung der Kreisvorsitzenden fiel am Abend nach einer mehrstündigen Beratung, bei der auch andere Kandidaten diskutiert wurden. Der CDU-Kreisvorsitzende aus Steglitz-Zehlendorf, Stephan Standfuß, lobte den Schritt und sagte, die Partei habe nun die Chance, sich neu aufzustellen. „Ich hoffe, dass die Themen jetzt wieder im Vordergrund stehen werden“, erklärte er.
Wegner hatte am Nachmittag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz seinen Rückzug von der Spitzenkandidatur für die Wahl am 20. September angekündigt. Der 53-Jährige zog damit die Konsequenzen aus einer monatelangen Debatte um falsche Angaben zu seinem Krisenmanagement während des großen Stromausfalls im Berliner Südwesten Anfang Januar. Wegner hatte zunächst verschwiegen, dass er am ersten Tag der Krise mittags eine Stunde Tennis gespielt hatte. In den Wochen danach kamen immer wieder Ungereimtheiten zu seinem Tagesablauf am 3. Januar ans Licht, was den Wahlkampf der CDU zunehmend belastete. Große Unruhe in der Partei und zuletzt Rückzugsforderungen aus den eigenen Reihen waren die Folge.
Als Regierender Bürgermeister will Wegner bis zur Wahl am 20. September und der Bildung eines neuen Senats danach im Amt bleiben. Er betonte, dass er weiterhin für die Stadt arbeiten werde, aber die Spitzenkandidatur nicht mehr mit der nötigen Konzentration ausfüllen könne. Die Debatte um seine Angaben hatte die CDU in den vergangenen Wochen massiv unter Druck gesetzt. Meinungsumfragen zeigten zuletzt einen Rückgang der Zustimmung für die Partei, die bei der Wahl 2021 noch stark abgeschnitten hatte. Die Affäre um den Stromausfall und die folgenden Enthüllungen über Wegners Tagesablauf wurden zum zentralen Thema im Berliner Wahlkampf.
Die Berliner CDU steht nun vor der Aufgabe, den Wahlkampf unter neuer Führung zu organisieren. Evers, der als Finanzsenator für die Haushaltsdisziplin der Stadt verantwortlich ist, bringt Erfahrung in der Landespolitik mit, aber weniger öffentliche Bekanntheit als Wegner. Die Partei hofft, dass der Wechsel die Wähler überzeugen kann, die durch die Affäre verunsichert wurden. Die Wahl am 20. September wird entscheiden, welche Koalition künftig in Berlin regiert. Die CDU hatte zuletzt mit der SPD und den Grünen über mögliche Bündnisse spekuliert, aber die Krise um Wegner hatte diese Pläne erschwert. Mit Evers als Spitzenkandidat will die Partei nun wieder in die Offensive gehen und die Themen Stadtentwicklung, Sicherheit und Wirtschaft in den Vordergrund stellen.
Die Menschen in Berlin wählen am 20. September ein neues Landesparlament. Die CDU muss bis dahin nicht nur einen neuen Spitzenkandidaten präsentieren, sondern auch ihre Wahlkampfstrategie anpassen. Evers wird in den kommenden Tagen voraussichtlich erste öffentliche Auftritte absolvieren, um sich den Wählern vorzustellen. Die Partei hofft, dass der Wechsel frischen Wind in den Wahlkampf bringt und die Diskussion um Wegners Fehler in den Hintergrund tritt. Die Entscheidung der Kreisvorsitzenden ist ein erster Schritt, aber die endgültige Bestätigung durch den Landesvorstand steht noch aus. Sollte Evers offiziell nominiert werden, wäre er der jüngste Spitzenkandidat der Berliner CDU seit Jahren.
