Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist in der Nacht erneut Ziel russischer Raketenangriffe geworden. Nach Angaben der ukrainischen Behörden beschoss die russische Armee die Stadt mit ballistischen Raketen. Bürgermeister Vitali Klitschko und Militärgouverneur Tymur Tkatschenko riefen die Bevölkerung auf, Schutzräume aufzusuchen. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichtete von einer Reihe schwerer Explosionen in der Stadt.
Bei dem Angriff wurden nach Angaben der städtischen Militärverwaltung mehrere Gebäude beschädigt. Ein Bürogebäude stehe in Flammen, teilte die Behörde über den Kurznachrichtendienst Telegram mit. Mindestens drei Menschen wurden laut Klitschko bei den Angriffen verletzt. Die Angriffe auf Kiew sind Teil einer anhaltenden russischen Offensive, die sich in den vergangenen Wochen verstärkt hat.
Parallel zu den Raketenangriffen auf die Hauptstadt hat die Ukraine ihre Angriffe auf die russische Logistik fortgesetzt. Im Asowschen Meer seien zehn Tanker attackiert worden, teilte der Kommandeur der ukrainischen Drohnenkräfte, Robert Browdi, auf Telegram mit. Damit seien insgesamt in dieser Woche fast 50 Tanker in der Region beschädigt worden. Zudem seien in der Nacht fünf Umspannwerke auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim getroffen worden.
Die ukrainischen Angriffe zeigen offenbar Wirkung: Russland hat Insidern zufolge vorübergehend den Schiffsverkehr durch den Don-Asow-Kanal gestoppt. Die Maßnahme sei eine Reaktion auf ukrainische Angriffe auf Tanker im Asowschen Meer, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei Quellen der Getreideexportbranche. Die Sperrung könnte demnach fast ein Viertel der russischen Weizenexporte betreffen. Wie lange sie andauern soll, ist unklar.
Dem ukrainischen Generalstab zufolge griff die Armee in der Nacht auch erneut die Ilski-Ölraffinerie in der Schwarzmeer-Region Krasnodar sowie den Ölverarbeitungskomplex Ust-Luga an der Ostsee in der Region Leningrad an. Zudem seien ein Ölterminal und ein Öllager in der Grenzregion Rostow am Asowschen Meer ins Visier genommen worden. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf die Energieinfrastruktur in Russland und auf der Krim in den vergangenen Wochen verstärkt. Dies führte in Russland zu Treibstoffengpässen und auf der Krim sogar zur Ausrufung des Ausnahmezustands.
Durch russische Gleitbomben sind in der Ostukraine mindestens vier Menschen getötet worden. 13 weitere seien verletzt worden, teilte der Militärgouverneur des Gebietes Donezk, Wadym Filaschkin, bei Telegram mit. Das russische Militär habe sieben Bomben auf die Stadt Kramatorsk und die nahe Siedlung Bilenke abgeworfen. Dabei seien ein Hochhaus und ein Geschäft getroffen worden. Kramatorsk ist nur gut ein Dutzend Kilometer von der Frontlinie entfernt.
Auch die südostukrainische Großstadt Saporischschja wurde Behördenangaben nach schwer bombardiert. Mindestens ein Zivilist sei getötet und 16 weitere seien verletzt worden, teilte Gouverneur Iwan Fedorow auf seinem Telegramkanal mit. Die Attacke zielte den Angaben nach auf das Zentrum der Industriestadt ab. Mehr als ein Dutzend Häuser seien dabei zerstört worden. Russische Truppen haben sich der Stadt bis auf etwas mehr als 20 Kilometer genähert. Gleitbomben werden von russischen Kampfflugzeugen aus großer Höhe Dutzende Kilometer entfernt abgeworfen und gleiten mit Flügelkonstruktionen ausgestattet ins Zielgebiet.
Der ukrainische Armeechef Oleksandr Syrsky hält die ukrainischen Truppen im Krieg mit Russland zwar für gut aufgestellt, sieht eine Wende im Krieg aber noch in weiter Ferne. Obwohl die russische Armee über fast die doppelte Menge an Personal und Ausrüstung verfüge, habe der Kreml seine Ziele nicht erreicht, erklärte Syrsky auf Telegram. Der Feind dürfe aber nicht unterschätzt werden. Syrskys Angaben zufolge führten die russischen Truppen nur noch an höchstens sechs oder sieben Frontabschnitten Offensiven aus – zuvor seien es noch 13 Abschnitte gewesen. Dabei erlitten die Russen seinen Angaben zufolge schwere Verluste, während Kiew eine Strategie der Auszehrung verfolge.
Nach einem Skandal um Todesfälle in einer Militäreinheit hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Reform der Sturmtruppen angekündigt. Es gebe viele Fragen und Probleme, die gelöst werden müssten, sagte der Staatschef in einer Videoansprache. Vor allem im Umgang mit den Leuten. Es werde neben strafrechtlichen Ermittlungen auch Wechsel an der Spitze der Sturmtruppen geben. Im Juni hatte ein Medienbericht Aufsehen erregt, nachdem beim Sturmregiment Skelja innerhalb von sechs Monaten mehr als zwei Dutzend Rekruten in ihrer militärischen Grundausbildung ums Leben kamen. Diese sollen demnach verprügelt, erniedrigt und anderweitig misshandelt worden sein. Derartige Praktiken sind Berichten zufolge auch in anderen Einheiten vor allem in Bezug auf Zwangsrekrutierte verbreitet.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen eine russische Invasion. Der Krieg hat bereits Zehntausende Todesopfer gefordert und weite Teile des Landes verwüstet. Die internationale Gemeinschaft hat Russland mit zahlreichen Sanktionen belegt und die Ukraine mit Waffenlieferungen unterstützt. Dennoch bleibt die militärische Lage angespannt, und beide Seiten setzen weiterhin auf eine Eskalation der Kampfhandlungen.
