US-Präsident Donald Trump hat mit seiner Einmischung in die Fußball-Weltmeisterschaft einen beispiellosen Skandal ausgelöst. Trump bestätigte am Montag, dass er Fifa-Chef Gianni Infantino persönlich um die Aufhebung der Roten Karte für den US-Stürmer Folarin Balogun gebeten hatte. Die Intervention des Präsidenten und die darauffolgende Aussetzung der Spielsperre durch die Fifa lösten international scharfe Kritik aus.
Trump sagte in Washington, er habe Infantino telefonisch gebeten, die Sperre für Balogun zu überprüfen. „Ich habe um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht denke, dass es ein Foul war“, erklärte der Präsident. Er sprach von einer „schrecklichen Entscheidung“ des Schiedsrichters. Trump betonte jedoch, er habe dem Chef des Weltfußballverbands nicht gesagt, was er tun solle. Infantino erklärte seinerseits, er habe Trump in dem Gespräch auf die Unabhängigkeit des Fifa-Disziplinarkomitees hingewiesen. „Ich habe erklärt, dass ein laufendes rechtliches Verfahren unter Einbeziehung der unabhängigen Rechtsinstanzen der Fifa besteht und dass der Fall zu gegebener Zeit von den zuständigen Stellen entschieden wird“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme Infantinos.
Die Affäre überschattet das Achtelfinale der USA gegen Belgien, das am Montagabend (Ortszeit) in Seattle stattfand. Aufgrund der Fifa-Entscheidung konnte das US-Team die Partie mit Balogun bestreiten. Der 25-Jährige vom Erstligaklub AS Monaco ist mit bislang drei Turniertreffern bester Torschütze seiner Mannschaft. Die US-Mannschaft begrüßte die Entscheidung des Weltverbands. „Das gibt uns natürlich einen Schub“, sagte Stürmer Christian Pulisic. Trainer Mauricio Pochettino erklärte: „Es ist eine faire Entscheidung, denn es hätte niemals eine rote Karte geben dürfen.“ Die Strafe sei für ein unbeabsichtigtes Foul „zu hart“ gewesen.
Balogun war am Mittwoch im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina nach einem Tritt auf den Knöchel seines Gegenspielers Tarik Muharemovic des Feldes verwiesen worden. Eine Rote Karte zieht nach den Fifa-Regeln automatisch eine Sperre von einem Spiel nach sich, ein Einspruch dagegen ist nicht möglich. Die Fifa setzte Baloguns Spielsperre jedoch am Sonntag zur Bewährung aus, ohne diese Entscheidung zu erläutern. Der Weltverband verwies auf Artikel 27 seines Disziplinarkatalogs, der besagt, dass eine Strafe für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Von dieser Regelung hatte bereits Portugals Superstar Cristiano Ronaldo profitiert, nachdem er im November bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Irland vom Platz gestellt worden war.
Die Entscheidung der Fifa löste international Empörung aus. DFB-Präsident Bernd Neuendorf drängte den Weltverband zu einer Klarstellung. „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden“, sagte Neuendorf. Auch Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) forderte Aufklärung: „Ich finde ja, dass Politik sich raushalten sollte aus Schiedsrichterentscheidungen, aber das muss die Fifa jetzt aufklären und transparent machen, ob es da wirklich Einfluss gegeben hat.“
Der belgische Fußballverband legte Einspruch gegen die Aufhebung von Baloguns Sperre ein. Die Fifa habe „nicht die geringste Erklärung“ in dem Fall abgegeben, kritisierte der Verband. Belgiens Trainer Rudi Garcia hatte gesagt, er habe zunächst an einen Aprilscherz gedacht. US-Außenminister Marco Rubio verteidigte die Aufhebung der Sperre. Die ursprüngliche Entscheidung sei ein Fehler gewesen, und es sei richtig gewesen, diese rückgängig zu machen, sagte Rubio vor dem Achtelfinale. Die Thematik könnte nun sogar beim Nato-Gipfel zur Sprache kommen.
Der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp zeigte sich fassungslos. „Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben – das ist verrückt, das stellt alles infrage“, sagte Klopp bei MagentaTV. Empört fügte er hinzu: „Diese beiden Menschen, die beide von Fußball keine Ahnung haben, sollten gar nichts damit zu tun haben. Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel.“ Der frühere Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, warnte im „Kicker“ vor den Folgen: „Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt. Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung einzufangen.“
Nicholas McGeehan von der Organisation FairSquare sagte dem SID: „Wenn das Gastgeberland seinen politischen Einfluss auf den Fifa-Präsidenten genutzt hat, um einen unfairen Vorteil zu erschaffen, wäre das ein skandalöser Verstoß gegen die Regeln und eine Manipulation des Wettbewerbs.“ Das enge Verhältnis zwischen Trump und Infantino hatte bereits vor der Fußball-WM scharfe Kritik ausgelöst. Kurz vor Weihnachten hatte der Fifa-Chef Trump einen selbst erfundenen Fifa-„Friedenspreis“ überreicht – gewissermaßen als Trost dafür, dass er nicht den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Bereits in Trumps erster Amtszeit hatte Infantino ihm 2018 im Oval Office eine rote Karte überreicht – damit der Präsident nach Belieben „jemanden rauswerfen“ könne.
