Der tschechische Präsident Petr Pavel hat die Ukraine davor gewarnt, dass Russland nach den bevorstehenden Parlamentswahlen im September den Krieg deutlich eskalieren könnte. In einem Interview mit der britischen Zeitung «The Telegraph» erklärte der ehemalige Nato-General, dass Kremlchef Wladimir Putin nach dem Urnengang eine Generalmobilmachung anordnen könnte, um die militärische Lage zu stabilisieren. Pavel betonte, dass es bis dahin ein Zeitfenster gebe, um Russland klarzumachen, dass der Westen zu Verhandlungen bereit sei.
Der Druck auf Russland müsse aufrechterhalten werden, um es zu Friedensgesprächen zu bewegen, so Pavel weiter. Die russische Bevölkerung sei zunehmend kriegsmüde, und die jüngsten ukrainischen Drohnenangriffe auf russisches Territorium hätten die innenpolitischen Spannungen verschärft. «Wenn dieser Druck anhält, könnte Russland eher zu Verhandlungen bereit sein», sagte der tschechische Staatschef. Eine Mobilmachung vor den Wahlen sei unwahrscheinlich, da sie in der Bevölkerung auf Widerstand stoßen würde. Doch nach dem Urnengang könnte Putin härtere Maßnahmen ergreifen.
Pavel forderte die Nato auf, die Ukraine weiterhin militärisch zu unterstützen und gleichzeitig die diplomatischen Bemühungen zu verstärken. Die Allianz müsse ein klares Signal senden, dass sie bereit sei, den Konflikt nicht nur militärisch, sondern auch politisch zu lösen. Der tschechische Präsident, der selbst eine militärische Karriere hinter sich hat, warnte vor einer Unterschätzung der russischen Fähigkeiten zur Eskalation.
Unterdessen hat die Ukraine ihre Fernangriffe mit Drohnen gegen Ziele in Russland massiv ausgeweitet. Bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump am Rande des Nato-Gipfels in Ankara erlaubte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen Seitenhieb gegen Moskau. Auf Trumps Frage, ob er für Friedensgespräche nach Moskau reisen würde, erwiderte Selenskyj spöttisch: «Das ist schwierig. Es gibt viele ukrainische Drohnen dort.» Die Ukraine hat zuletzt vermehrt Raffinerien und andere Energieinfrastruktur in Russland angegriffen, was zu einer Treibstoffkrise geführt hat.
Die russische Regierung hat als Reaktion auf die Treibstoffkrise den Export von Diesel gestoppt und mit der Einfuhr von Kraftstoffen begonnen. Vizeregierungschef Alexander Nowak sprach von einer angespannten Marktlage. Vor russischen Tankstellen bilden sich kilometerlange Schlangen, da zahlreiche Ölverarbeitungsanlagen durch ukrainische Drohnenangriffe außer Betrieb gesetzt wurden. Bereits im April hatte Moskau ein Verbot für die Ausfuhr von Benzin verhängt, doch die Versorgung bleibt vielerorts unzureichend.
Russland hat die Zusagen des Nato-Gipfels an die Ukraine als «verantwortungslos» verurteilt. Das russische Außenministerium warf den Mitgliedsländern des Militärbündnisses vor, sich auf einen bewaffneten Konflikt mit Russland vorzubereiten. Die europäischen Staaten konzentrierten sich auf eine «Militarisierung des europäischen Kontinents», die in eine Katastrophe münden könnte. Die Nato hatte auf ihrem Gipfel in Ankara weitere Unterstützung für die Ukraine zugesagt, ohne jedoch eine konkrete Beitrittsperspektive zu bieten.
US-Präsident Trump zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass es zu Gesprächen zwischen Kiew und Moskau kommen werde. «Etwas Positives wird passieren», sagte Trump bei dem Treffen mit Journalisten. Eine Reise in die Ukraine schloss er nicht aus, fügte jedoch hinzu, dass er dies lieber nach einem Ende des Krieges tun würde. Sein Sicherheitsteam wäre von einer Reise während des Krieges wohl kaum begeistert, fügte er mit ironischem Unterton hinzu. Kiew sei aber auf jeden Fall eine «wunderschöne Stadt».
Die Ukraine und Polen haben unterdessen vor dem Hintergrund eines jüngsten Streits um die Weltkriegsvergangenheit den Dialog wieder aufgenommen. Der polnische Präsident Karol Nawrocki und Selenskyj trafen sich am Rande des Nato-Gipfels in Ankara, ohne jedoch eine Klärung des Konflikts zu erlangen. Nawrocki erklärte nach dem Treffen, dass es ihm und Selenskyj nicht gelungen sei, die historischen Fragen bezüglich der Massaker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu klären. Die Gespräche sollen jedoch fortgesetzt werden.
